Fokus Japan: Auf dem Schlachtfeld der Geschichte

Japans Ankündigung, eine historische Goldmine zum Weltkulturerbe erklären zu lassen, hat sich zur neuesten Episode des bilateralen Dramas mit Südkorea entwickelt. Wie können die beiden Länder ihre historischen Streitigkeiten beilegen und die zahlreichen gemeinsamen Interessen zusammen verfolgen?

Eine Kolumne von Lars Feyen

 

Mitte Januar kam die Entscheidung, die sich über Monate angebahnt hatte: Premierminister Fumio Kishida verkündete im Namen des japanischen Staates, die weit verzweigten Gold- und Silberminen auf der Insel Sado der UNESCO als Weltkulturerbe vorzuschlagen. 

Auf den ersten Blick ist die Entscheidung folgerichtig: die Goldminen auf dem entlegenen Eiland haben eine historische Bedeutung, nicht nur für die Region, sondern für Japan insgesamt. Seit 400 Jahren wurde hier nach Rohstoffen und vor allem Edelmetallen gegraben. Der stillgelegte Minenkomplex zieht jedes Jahr hunderttausende Touristen auf die abgelegene Insel. Das einzige Problem bei der UNESCO-Nominierung: der Betrieb der Mine wurde während des Pazifikkriegs bis 1945 mit tausenden Zwangsarbeitern, vornehmlich aus Korea, aufrechterhalten.

Asahi Shimbun, Japans führende linksliberale Tageszeitung, fasste das Dilemma von Premierminister Kishida vor der Nominierung im Januar folgendermaßen zusammen: egal, wie er sich entscheiden würde, er würde immer jemandem vor den Kopf stoßen. Entweder träfe es die südkoreanische Politik, die vor den Präsidentschaftswahlen im März besonders anfällig für antijapanische Einstellungen zu sein scheint. Oder die rechtskonservativen Kräfte in Kishidas eigener Partei, der LDP, für die die Goldminen ein Symbol nationaler Identität darstellen. Offensichtlich hat es nun Südkorea getroffen.

Allen Beteiligten ist dabei bewusst, dass der wieder aufgeflammte Streit sich nicht wirklich um die Goldminen in Sado dreht. Vielmehr ist es die Fortsetzung eines seit 1945 immer wieder durchschimmernden Streits um die Aufarbeitung japanischer Kriegsverbrechen. So wurden zwar seit den 1960er Jahren immer wieder Versuche von Tokyo unternommen, die historische Schuld offiziell anzuerkennen, sich zu entschuldigen und Opfer in Korea zu entschädigen. Doch diese Versuche waren jeweils nur von kurzer Dauer. Das gilt etwa für das ”Kono-Statement“ von 1993, in welchem der damalige Kabinettschef der Regierung feststellte, dass es „Zwangsprostitution“ im Rahmen des Krieges gegeben habe und „koreanische Frauen gegen ihren Willen“ zur Arbeit in Militärbordellen gezwungen worden seien.

Es gilt ebenso für die Ankündigung von Seoul und Tokyo Ende 2015, eine offizielle Entschuldigung zu formulieren und eine Stiftung für die letzten Überlebenden der Zwangsprostitution gründen zu wollen. Jedes Mal stießen die japanischen Bemühungen, endgültig eine Art „Schlussstrich“ unter die Geschichte ziehen zu wollen, auf taube Ohren. Zudem schwelt seit 2019 ein bilateraler „Handelskrieg“, dessen Existenz ohne einen Blick in die Geschichtsbücher herzlich wenig Sinn ergibt.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann es als unwahrscheinlich gelten, dass das historische Dilemma der zwei größten Demokratien Ostasiens zufriedenstellend gelöst werden kann. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe.

Erstens klingen die japanischen Entschuldigungen in den Ohren der Opfer oft nicht aufrichtig. Das gleiche Phänomen ließ sich auch bei offiziellen Entschuldigungen Tokyos gegenüber ehemaligen amerikanischen Zwangsarbeitern erkennen. Der japanische Staat hatte sich auch hier nicht wirklich Mühe gegeben, die Entschuldigungen überzeugend klingen zu lassen. Dieser Eindruck verstärkt sich durch die verklärende Geschichtsschreibung vieler LDP-Granden und durch die konstanten Besuche hoher Politikerinnen und Politiker im Yasukuni-Schrein, in dem auch Kriegsverbrecher geehrt werden.

Zweitens besteht in Südkorea kaum noch die Absicht, eine ernst gemeinte Entschuldigung anzunehmen. So lässt sich erkennen, dass antijapanische Ressentiments in weiten Teilen der südkoreanischen Gesellschaft vorherrschen. Die Wahrscheinlichkeit einer zeitnahen Einigung sinkt auf jeden Fall dann weiter, sollte die linksliberale Regierungskoalition erneut die Wahlen im März gewinnen. Der abtretende Präsident Moon Jae-In gab sich besonders kritisch gegenüber dem Abkommen von 2015 und Japan insgesamt. Der Präsidentschaftskandidat seiner Partei, Lee Jae-Myung, dürfte diese Haltung bei einem Wahlsieg kaum ändern.

Drittens hat sich das Zeitfenster für eine Lösung bereits jetzt fast vollständig geschlossen. Die letzten überlebenden Opfer der japanischen Verbrechen sind in einem hohen Alter angekommen. Sobald keine „Trostfrauen“ mehr leben sollten, gibt es niemanden, der eine japanische Entschuldigung noch annehmen könnte. Beiden Seiten sollte aber dringend daran gelegen sein, nach einer Lösung zu suchen.

Aus europäischer Sicht, wo die Ostpolitik der BRD schon während des Kalten Krieges die Möglichkeit einer weitgehenden Aussöhnung mit den deutschen Nachbarstaaten geschaffen hatte, mag dieses ostasiatische Dilemma ein wenig befremdlich wirken. Doch weder das wirtschaftlich übermächtige Japan der Nachkriegszeit noch die Militärdiktatur in Südkorea hatten über Jahrzehnte ein ernsthaftes Interesse daran, zu weit in die eigene Geschichte zurückzuschauen. Zudem waren beide wichtige Verbündete unter dem militärischen Schutz der Vereinigten Staaten.

Doch die politische Gesamtlage hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges auch in Ostasien verändert. Sowohl in Südkorea als auch in Japan spielt der Nachbar China eine immer größere Rolle. Der vor wirtschaftlicher und militärischer Kraft strotzende Autoritarismus Pekings sollte eigentlich dazu führen, dass Tokyo und Seoul sich auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen. Auch sind beide Länder regelmäßig den Drohungen und Raketentests des nordkoreanischen Regimes ausgesetzt und könnten an einer gemeinsamen Deeskalationsstrategie interessiert sein. 

Nur wenn Japan und Südkorea kooperieren, kann also ein dauerhafter friedlicher Gegenentwurf zur chinesischen Machtpolitik und militärischen Anspannung in der Region entstehen. Eine Lösung sollte auch im Interesse der Europäischen Union sein, die in den letzten Jahren verstärkt an einer Indopazifik-Strategie gearbeitet hat. Das latente Konfliktpotenzial zweier ähnlich gesinnter demokratischer Verbündeter Europas muss also auch in Brüssel als relevanter Faktor gesehen werden. 

 

In der monatlichen Reihe Fokus Japan werden aktuelle Themen aus der japanischen Politik und Gesellschaft aufgegriffen und hintergründig aufgearbeitet. Fokus Japan ist eine Kooperation zwischen Polis180, dem Polis-Programmbereich connectingAsia und dem Newsletter Ausblick Ost von Lars Feyen.

Teil 1: Im Zentrum der Macht: Das politische Erbe von Shinzō Abe

Teil 2: Fokus Japan: Wenn die Zugbrücke hochgeht

 

Polis Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 & OpenTTN zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder.

Bildquelle via unsplash

 

Lars hat Internationale Beziehungen und East Asian Studies in Erfurt und Groningen studiert. Er arbeitet derzeit beim Podcast-Radio detektor.fm in Leipzig. Er ist im Polis-Programm connectingAsia aktiv.

 

 

0 Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Schreibe unserer Blogredaktion!

Falls Du Fragen, Anregungen oder Beiträge zum Polis Blog hast, dann kannst du uns hier kontaktieren!

Sending

Log in with your credentials

Forgot your details?