Polis kocht!

Frauen, Frieden, Sicherheit: Streit um die Berliner Friedensstatue

16 November 2020

mit Benedikt Lux, MdA (b90/DIE Grünen) und Nataly Jung-Hwa Han (Korea-Verband)

Am 16. November haben wir zum dritten und letzten Mal in diesem Jahr räumlich getrennt und doch gemeinsam auf einen spannenden Polis kocht! Mixology Edition Abend angestoßen! Das Thema dieser Veranstaltung: Die sogenannten “Trostfrauen” und der Streit um die Berliner Friedensstatue. Diese Statue zeigt eine Zwangsprostituierte des japanischen Militärs während des Asien-Pazifik-Krieges (1937-1945) und ist den Opfern sexualisierter Kriegsgewalt weltweit gewidmet. Besuchen könnt ihr sie in Moabit/Bezirk Mitte. Trotz Genehmigung des Bezirksamt sollte die Statue auf Druck der japanischen Regierung hin kurz nach ihrer Enthüllung Ende September diesen Jahres  bereits wieder entfernt werden, was ein Berliner Gericht jedoch verhinderte. Um diesen kontroversen Sachverhalt zu diskutieren, sprachen wir mit unseren Gästen MdA Benedikt Lux von Bündnis 90/Die Grünen sowie Nataly Jung-Hwa Han vom Korea-Verband.

Nachdem wir alle unsere Getränke zubereitet hatten, starteten wir mit einem sehr eindrücklichen Vortrag von Nataly Jung-Hwa Han in den Abend: Während des Krieges verschleppten das japanische Militär und seine Helfer mindestens 200.000 Mädchen und junge Frauen – aus ehemaligen Kolonien Japans und besetzten Ländern, darunter Korea und Taiwan. Die Frauen sollten den Soldaten im Krieg “Trost” spenden, indem sie für sie als Sex-Sklavinnen dienten und dadurch brutalste sexualisierte Gewalt erfuhren. Erst knapp 50 Jahre später traten Überlebende mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit, wodurch das herrschende Tabu zumindest teilweise gebrochen werden und die “Trostfrauen”-Bewegung entstehen konnte. Aber sexualisierte Kriegsgewalt ist nicht nur im Asien-Pazifik Krieg eine Waffe gewesen: Nataly Jung-Hwa Han beschrieb auch erschreckende Fälle aus Deutschland und Europa, über die bisher mehrheitlich geschwiegen wird. Ein Beispiel sind die KZ-Lagerbordelle, in denen Zwangsprostituierte als “Belohnung” für besonders hart arbeitende Häftlinge dienen sollten. Die “Trostfrauen”-Bewegung versteht sich daher mittlerweile als transnationale Bewegung, welche sich für einen besseren Umgang mit Überlebenden und gegen sexualisierte Kriegsgewalt weltweit einsetzt. So solidarisieren sich die Überlebenden aus dem Asien-Pazifik-Krieg mit Frauen aus der ganzen Welt, die in jüngeren Konflikten sexualisierte Gewalt erleben mussten und müssen. Denn über ein Tabuthema zu sprechen kann befreien – physisch wie psychisch.

Allerdings steht der Aufarbeitung von sexualisierter Kriegsgewalt anhand der Statue der “Trostfrauen” leider nach wie vor einiges im Wege. Obwohl sie bereits genehmigt wurde, übte Japan über das Auswärtige Amt Druck auf Berlin Mitte aus, die Statue wieder zu entfernen. Der Grüne Bezirksbürgermeister reagierte mit einem Widerruf der Genehmigung. Er kritisierte unter anderem, dass die Statue nicht sexualisierte Kriegsgewalt insgesamt thematisiere, sondern sich nur auf den Fall der “Trostfrauen” beziehe. In unser Diskussion argumentierte Nataly jedoch, dass eine Statue gegen sexualisierte Kriegsgewalt nicht ohne spezifischen Fokus errichtet werden könnte, denn dies würde die Täter anonymisieren und so eine umfassende Aufklärung und Aufarbeitung verhindern. MdA Benedikt Lux fand die Einmischung Japans und die Reaktion des Bezirks Mitte erschreckend. Denn wenn in einem Rechtsstaat wie Deutschland eine Genehmigung erteilt werde, müsse man sich auf diese verlassen können. Wie ein solcher Widerruf einhergehen kann mit der besonders von den Grünen vorangetriebenen feministischen Außenpolitik, sei nicht erklärbar. Durch den kräftigen Einsatz der Zivilgesellschaft konnte der Abbau der Friedensstatue bislang verhindert werden.

Friedensstatuen wie die in Berlin gibt es mittlerweile in verschiedensten Städten weltweit. Diese Städte werden oder wurden alle von Japan unter Druck gesetzt, zum Beispiel durch Androhungen, Städtepartnerschaften aufzukündigen oder mit wirtschaftlichen Instrumenten. In Südkorea haben sich junge Menschen zum Protest gegen ein Entfernen der Statue an diese angekettet und damit ein klares Zeichen gegen Sexismus und Kolonialismus gesetzt. Nataly Jung-Hwa Han und MdA Benedikt Lux waren sich einig, dass ein von jungen Menschen verfolgter kosmopolitischer und internationaler Ansatz zum Thema sexualisierte Kriegsgewalt Hoffnung macht. In Berlin besteht mittlerweile Hoffnung, dass die Statue doch erhalten bleiben kann

Wir haben durch diese Veranstaltung viel gelernt und bedanken uns für das ehrliche, informative und persönliche Gespräch! Wir hoffen, damit einen kleinen Beitrag zur Enttabuisierung des Themas der sexualisierten Kriegsgewalt geleistet zu haben. Denn weltweit und auch hier in Deutschland haben wir noch viel aufzuklären und aufzuarbeiten – um zukünftig sexualisierte Kriegsgewalt verhindern zu können und Überlebende wirkungsvoll zu unterstützen.

Polis kocht! Außen- und Europapolitik geht durch den Magen wird gefördert durch die Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Herzlichen Dank!

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