Die USA priorisieren aktuell ihre außenpolitische Haltung vollständig neu. Das zwingt auch die EU zu einem fundamentalen Umdenken. Die neue US-Sicherheitsstrategie definiert neue Leitbilder und stellt die eigene Souveränität und ökonomische Schlagkraft in den Mittelpunkt. Wie geht Europa mit den Veränderungen um?
A blog post by Steve Kinreich
Als die US-Regierung im November 2025 die Neue Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) vorlegte, traf Europa mehr als reine provokative Rhetorik: die USA repriorisieren aktuell ihre außenpolitische Haltung, was auch Europa zu einem Umdenken zwingt. Die neue Sicherheitsstrategie verbindet Außenpolitik eng mit innenpolitischen Leitbildern, stellt Souveränität und wirtschaftliche Schlagkraft in den Mittelpunkt und betont, dass die USA ihre strategische Außenpolitik grundsätzlich neu ausrichten wollen. Für die EU ist die Strategie besonders brisant, weil die NSS Verteidigung, Handel und europäische Innenpolitik enger verknüpft und damit zusätzlichen Druck auf die transatlantischen Beziehungen erzeugt.
Was die Nationale Sicherheitsstrategie 2025 tatsächlich neu macht
In der neuen Architektur der NSS bleibt Europa ein Partner, verliert aber die Priorität als selbstverständlich gesetzter Schwerpunkt. Das Dokument nennt als Kerninteressen unter anderem politische und wirtschaftliche Stabilität in der westlichen Hemisphäre, die Sicherung kritischer Lieferketten, die Prägung globaler Standards in Schlüsseltechnologien sowie die Sicherung eines freien Indo-Pazifik. Europa wird als eine Region dargestellt, deren Freiheit und Sicherheit unterstützt werden soll, während zugleich der Anspruch formuliert wird, Europas zivilisatorische Selbstsicherheit und westliche Identität zu stärken. Das Europäische Parlament deutet diese Linie als Reorientierung der US-Rolle in der bestehenden Ordnung und als eine Neuordnung, die Erwartungen an Partner neu justiert.
Europas sicherheitspolitische Lage nach der US-Repriorisierung
Die unmittelbarste direkte Konsequenz liegt in der Lastenverschiebung innerhalb der Allianz. Die NSS erklärt, “die Tage, in denen die Vereinigten Staaten die gesamte Weltordnung wie ein Atlas stützen, sind vorbei” und fordert wohlhabende Partner auf, primäre Verantwortung für ihre “Regionen” zu übernehmen. Für die NATO wird dies durch die Bezugnahme auf die Haager Verpflichtung vom 25. Juni 2025 operationalisiert, die NATO-Staaten zu jährlichen Verteidigungsausgaben in Höhe von fünf Prozent des BIP verpflichtet. Es ist hervorzuheben, dass diese Logik über klassische soft-power Hebel hinausgeht und die Kohäsion der Allianz nicht nur durch bloße Rhetorik unterminiert, sondern grundsätzlich in Frage stellt, weil politische Kooperation jeglicher Art unmittelbar an US-Compliance gekoppelt ist. Diese sicherheitspolitische Härte wird mit einer normativen Diagnose Europas kombiniert, die indirekt ebenfalls Konsequenzen erzeugt. Die US-Regierung spricht über Migration, sinkende Geburtenraten, Verlust nationaler Identität sowie über Zensur und Unterdrückung politischer Opposition und warnt vor einer möglichen zivilisatorischen Auslöschung, falls die genannten Trends fortbestünden. In der europäischen Debatte wird diese Passage als politischer Eingriff gelesen: The Guardian berichtet über Regierungsvertreter, die die wilden Thesen der NSS verteidigen, und bindet europäische Kritik ein, die dieses Verhalten als übergriffig empfindet.
“The days of the United States propping up the entire world order like Atlas are over.”
(NSS November 2025, The White House under whitehouse.gov)
Ukraine und Russland: Strategische Stabilität und die neue Risikologik
Noch konkreter wird die Strategie im Verhältnis zu Russland im Ukraine-Krieg: Die US-Regierung erklärt es zum Kerninteresse der USA, eine zügige Beendigung der Kampfhandlungen zu verhandeln, um europäische Volkswirtschaften zu stabilisieren, unbeabsichtigte Eskalation oder Ausweitung zu verhindern und strategische Stabilität mit Russland wiederherzustellen. Die stärkere revisionistische Haltung sowie die fehlende klare Positionierung der USA zu Europa, verstärkt für die EU das seit 2022 wachsende Spannungsverhältnis zwischen Abschreckungslogik und Konfliktbeendigung. Während amerikanische Prioritäten stärker auf Diplomatie und Stabilisierung gerichtet sind, bleiben europäische Positionen oft stärker vom Kriegsverlauf und von Bedrohungswahrnehmungen einzelner Staaten geprägt. Die Diagnosen zur Problembeschreibung der NSS über Europa werden jedoch teilweise als zutreffend bewertet, kritisiert werden aber die daraus abgeleiteten Mittel und die politische Wirkung auf den europäischen Zusammenhalt.
Geoökonomie, Technologie und Regulierung als Konfliktlinie und Hebel
Die zweite große Wirkungsebene ist geoökonomisch. Die NSS setzt wirtschaftliche Sicherheit mit nationaler Sicherheit gleich und nennt ausgeglichenen Außenhandel, Sicherung kritischer Lieferketten, Reindustrialisierung und den strategischen Einsatz von Zöllen als Instrumente. Für Europa entsteht daraus ein struktureller Zielkonflikt, weil es zugleich von den USA als Markt, Technologiepartner und Sicherheitsgarant abhängt, aber eigene, genuine Regulierungsmodalitäten, Industriestandards, wirtschaftliche Interessen sowie Verflechtungen mit China besitzt. Europa könne somit in eine geoökonomische Falle geraten, wenn US-Industriepolitik, Exportkontrollen und Marktzugangsfragen in ein Paket aus Druck und Konditionalität gegossen werden, das europäische Handlungsfreiheit begrenzt.
Fazit: Europas Reaktionsräume
Aus diesen Konsequenzen ergeben sich auch Chancen, wenngleich als Nebenprodukt des Drucks. Der sichtbare Zwang zur internationalen Lastenneuverteilung kann die Debatte von Zielzahlen hin zu Fähigkeiten und industrieller Skalierung verschieben, vor allem in Bereichen wie Munition, integrierte Luft- und Raketenabwehr, Drohnenabwehr, Logistik und Beschaffungskoordination. Gleichzeitig kann die Zuspitzung auf Standards, Exportkontrollen und Lieferketten Europas eigene Agenda zur technologischen und industriellen Resilienz beschleunigen, weil Abhängigkeiten stärker als Sicherheitsrisiko angesehen werden könnten. Europa ist zwischen einer revisionistischen russischen Machtpolitik und einer rein interessenzentrierten, transaktionalen US-Strategie wie im Schraubstock eingespannt. Europa kann sich aus diesem Griff nur befreien, wenn es die Situation als Treiber für europäische Fähigkeitsentwicklung innerhalb der NATO-Realität erkennt.
Zum Autor:
Steve Kinreich ist seit November 2025 Mitglied bei Polis180 und im Programm Europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik aktiv. Er studiert im Bachelor Politikwissenschaften sowie Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg und interessiert sich für Sicherheitspolitik im internationalen Raum, insbesondere die aktuellen dynamischen Entwicklungen innerhalb unserer derzeitigen Weltordnung.
Programmleitung: Eva Hager
Zum Programmbereich: Der Programmbereich „Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ entwickelt Analysen und Ideen für eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Er arbeitet mit Szenarien, Workshops und Publikationen und fördert den Austausch zwischen jungen Engagierten und politischen sowie sicherheitspolitischen Institutionen. Die inhaltlichen Schwerpunkte werden von den Mitgliedern selbst gesetzt und gemeinsam weiterentwickelt.
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