Grün, grün, grün sind alle meine Meiler – warum die Atomkraft in Frankreich gesellschaftlicher Konsens ist

Deutschland ringt seit jeher mit der Atomkraft. In Frankreich schien die nukleare Stromerzeugung lange Zeit Konsens. Während hierzulande nun viele um das vereinbarte Ende des Atomstroms bangen, sorgt Frankreich sich darum, dass der vereinbarte Ausbau ins Stocken kommen könnte. Doch was ist eigentlich des Pudels Kern(kraft) bei der Atom-Debatte unserer Nachbar*innen?

Eine Kolumne von Etienne Höra und Lukas Hochscheidt

 

Die aktuelle Diskussion um die Zukunft der deutschen Atomkraft passt zu ihrer turbulenten Geschichte: Von blockierten Castor-Transporten über Tschernobyl und Fukushima bis zu den beiden Atomausstiegen (der eine rot-grün, der andere schwarz-gelb) hat die deutsche Atompolitik so manche Irrungen und Wirrungen durchgemacht. Im Ergebnis stand seit mittlerweile elf Jahren immerhin eines fest: dass Ende des Jahres 2022 die letzte Kilowattstunde Strom in den noch laufenden Atommeilern produziert werden soll. 

Diese Gewissheit ist nun einer Polit-Posse gewichen. Diejenigen, die den Atomausstieg 2011 entgegen ihrer ideologischen Richtschnur noch beschleunigt hatten, wollen diesen jetzt gänzlich abblasen. Doch auch für langjährige Gegner*innen der Atomkraft wird der mögliche “Streckbetrieb” zum Offenbarungseid: In Zeiten, in denen selbst TÜV-Gutachten nichts mehr wert sind, geraten auch die standfestesten Überzeugungstäter*innen ins regierende Grübeln. 

Dabei könnte alles so einfach sein! Denn man muss sich als aufgeklärte, demokratische Gesellschaft des marktwirtschaftlichen Westens gar nicht so uneinig sein in der Atomfrage: Bei unseren französischen Nachbar*innen ist die Atomkraft von ganz links bis schmerzhaft rechts ziemlich unumstritten. So unumstritten, dass die französische Regierung die Zustimmung Deutschlands zur Aufnahme der Atomkraft in die EU-Taxonomie für “saubere” Energien gar mit einem deftigen Kuhhandel bezahlte: Präsident Macron akzeptierte im Gegenzug für Deutschlands Zustimmung, dass auch Erdgas als “sauber” einzustufen sei. Auch wenn damals noch nicht so viel Blut vom Gashahn tropfte – erfreut war man in ökologischen Kreisen schon damals nicht über das französische Einknicken.  

 

Atomkraft made in France

Frankreichs große Liebe zum Atom beginnt militärisch: Am 13. Februar 1960 wird über der algerischen Wüste die Gerboise bleue, Frankreichs erste Atombombe, getestet – sie soll dem Land seine strategische Souveränität im Kalten Krieg zurückgeben. Frankreich ist am Ende des Zweiten Weltkriegs zwar Siegermacht, aber doch nachhaltig verunsichert: durch die initiale Niederlage gegen den deutschen Aggressor, durch das in Indochina bröckelnde Imperium und durch den offensichtlich gewordenen Machtverlust gegenüber den USA und der Sowjetunion, der sich etwa in der Suezkrise 1956 zeigt. Nukleare Ingenieurskunst soll also Frankreichs Großmachtanspruch stützen, der später durch atombetriebene U-Boote und den Flugzeugträger Charles de Gaulle weiter untermauert wird. Kritische Stimmen aus der pazifistischen Bewegung finden demgegenüber nur wenig Resonanz – unter veränderten Vorzeichen wird es der französischen Umweltbewegung später ähnlich ergehen.  

Nach dem Ölpreisschock von 1973, der das ölabhängige Land besonders hart traf, ging Frankreich dann bei der zivilen Nutzung der Technologie in die Vollen: Die Regierung von Premier Pierre Messmer kündigte an, binnen zwei Jahren den Bau von 13 Atomkraftwerken mit je 1000 Megawatt Nennleistung anzustoßen. Statt auf unzuverlässige Ölstaaten verließ sich Frankreich nunmehr auf eigene Uranlagerstätten, etwa in der Vendée, dann zunehmend auch auf seine ehemaligen Kolonien wie Niger. Diese energiepolitische Kehrtwende war dank französischer Besonderheiten möglich: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Stromproduktion in staatlicher Hand und Gegenstand aktiver Industriepolitik. Hinzu kommt eine Tradition des voluntaristischen Staates, der Gesellschaft und Wirtschaft immer wieder durch Großprojekte modernisieren will – und ein Technikglaube, der in die staatlichen Institutionen eingegossen ist. Noch heute rekrutieren sich die französischen Funktionseliten zu großen Teilen aus einer an den Grandes Écoles ausgebildeten Klasse von Technokrat*innen und Expert*innen, deren Rolle nicht nur aufgrund der Reproduktion sozialer Ungleichheiten umstritten ist. 

 

“Grüne Atompolitik” à la Macron 

In dieser Kontinuität bewegt sich auch die Energiepolitik von Präsident Emmanuel Macron, der eine “Wiedergeburt” der französischen Atomkraft anstrebt. Dazu soll nicht nur die Laufzeit bestehender Meiler über die vorgesehenen 50 Jahre hinaus verlängert werden; der Europäische Druckwasserreaktor (EPR), ein Prestigeprojekt der französischen Nuklearindustrie, soll mit 14 neuen Kraftwerken CO2-arme Energie liefern. Diese “grüne Atompolitik” markiert eine Kehrtwende gegenüber der 2019 veröffentlichten Langzeit-Energieplanung, laut derer der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung auf 50 Prozent reduziert werden sollte – im Namen der Klimaziele, die mit der gegenwärtigen Politik unmöglich zu halten sind, aber auch der französischen Nuklearindustrie, die auf eine große Zukunft mit weltweiten Absatzmärkten hofft. Der Traum von einer modernen, sauberen und immer verfügbaren Energie aus Atomkraft, der dieser Tage in Deutschland wieder aufgewärmt wird, ist in Frankreich weiterhin lebendig. 

Dabei sind die großen Hoffnungen, die Frankreichs Politik lagerübergreifend in die Atomkraft setzt, in den letzten Jahren immer wieder auf harte Realitäten geprallt. So verzögerte sich der Bau des ersten EPR in Flamanville wiederholt, zuletzt im Januar 2022 aufgrund fehlerhafter Schweißnähte. Statt wie ursprünglich geplant 2012 soll der erste französische Druckwasserreaktor nun erst Mitte 2023 ans Netz gehen, nach einer Kostensteigerung von 3,3 auf 19 Milliarden Euro – ein herber Rückschlag für die französische Atomindustrie, die mit dem neuen Modell auch den wachsenden Weltmarkt bedienen will. Diese Hiobsbotschaft folgt auf jahrelange Qualitätsprobleme bei der Fertigung von Bauteilen in Le Creusot, nach deren Bekanntwerden 2016 18 von insgesamt 58 Atomkraftwerken in Frankreich vorübergehend stillgelegt werden mussten.

 

Zurück in die Zukunft? 

Paradoxerweise ist gerade der Energieträger, der den Klimawandel verlangsamen soll, bereits am stärksten von diesem betroffen: Durch Dürre im Frühling und anhaltende Hitze geht den französischen Atomkraftwerken das Kühlwasser aus; vier von ihnen laufen aktuell aufgrund einer Ausnahmegenehmigung, die höhere Abwassertemperaturen erlaubt, andere Kraftwerke mussten ihre Leistung drosseln. 

Was absurd klingt, könnte ernste Folgen auch für die deutsche Energiepolitik haben: Denn die eingangs erwähnte Debatte um die Zukunft der deutschen Atomverstromung hängt maßgeblich vom Ergebnis eines weiteres “Stresstests” zur Energieversorgungssicherheit ab, der derzeit im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt wird. Und die Ausfallwahrscheinlichkeit der französischen Atommeiler ist dabei einer der entscheidendsten Faktoren. So entbehrt die aktuelle Lage nicht einer bitteren Ironie: Wenn russisches Gas nicht mehr durch die Pipelines läuft und französische AKW kein Kühlwasser mehr haben, müssen dann etwa ausgerechnet deutsche Kohlemeiler die freie Welt beheizen? Honni soit qui mal y pense ! 

 

Unsere neue Blogserie La Grande Nation will hierzu einen Beitrag leisten: Sie widmet sich in Deutschland verbreiteten Mythen und Vorurteilen über das Land, das sich selbst nie so nennen würde. Denn während selbst die folkloristischen Aspekte der Länderfreundschaft (Städtepartnerschaften und Frankreichurlaube) auf dem Rückzug zu sein scheinen, erlahmt der deutsch-französische Motor auch und vor allem an der mangelnden innenpolitischen Kenntnis des jeweils anderen. Es gibt zwar einiges Interesse an Frankreich, aber Mythen und Klischees dominieren die deutsche Debatte über unseren wichtigsten Nachbarn – und über viele wichtige Dinge wird erst gar nicht gesprochen. Dies wollen wir in den kommenden Wochen und Monaten ändern. 

Part 1: Je t’aime… moi non plus — Wieso die Deutschen Frankreich nicht verstehen (und es gar nicht merken)

Part 2: Die Republik der relativen Mehrheit – Frankreich nach der Parlamentswahl

 

Polis Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 & OpenTTN zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder.

Bildquelle via Lukas Hochscheidt

 

Lukas blickt aus polit-ökonomischer und feuilletonistischer Perspektive auf Frankreich, wo er einige Jahre gelebt, studiert und gearbeitet hat. Nach einem Studium der Politik-, Sozial- und Europawissenschaften in Nancy, Paris und Berlin ist er seit 2021 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig. Seit 2020 ist er Mitglied des Vorstands von Polis180 und war 2021-2022 zudem Präsident der Vereins. 

Etienne versteht nach längeren Aufenthalten in Aix-en-Provence und Paris immer besser, was er an Frankreich nicht versteht. Dabei blickt er auch auf Erfahrungen in der bilateralen Diplomatie der beiden Länder zurück. Momentan schließt er sein Studium der Internationalen Beziehungen in Berlin mit einem handelspolitischen Schwerpunkt ab. Seit Juli 2022 ist er Präsident von Polis180.

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