Soft Power und neoosmanische Rhetorik für die EU-Erweiterung im Westbalkan

Beim EU-Westbalkan-Gipfel am 06.05.2020 hat die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betont, dass die Westbalkan-Länder auf eine europäische Zukunft hoffen dürften. Doch seit einigen Jahren erobern Großinvestoren aus dem arabischen Raum und politische Akteure wie die Türkei den Westbalkan – wirtschaftlich ebenso erfolgreich wie religiös. 

Ein Kommentar von Anile Tmava

 

Private Universitäten, ein Flughafen, die größte Moschee des Balkans – finanziert von der Türkei und eingeweiht mit Handschlag des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dem in Albanien volksmundlichen Namensgeber der Moschee. 

Soft Power-Politik hat viele Gesichter. Sie agiert über Ideologie, kulturelle Symbolik oder gesellschaftliches Engagement und ist damit unterschwellige Machtausübung ohne militärische Bedrohung. Erdoğan beansprucht das Image des gütigen Mäzens und eines religiösen Schutzherren der muslimischen Bevölkerung im Balkan für sich. 

Seine dortige Soft Power-Außenpolitik trägt ihre Früchte und bringt andere Einflussgrößen in der Region in Bedrängnis. So schnell, wie die neuen Studierendenwohnheime und Schulen in Sarajevo, Tirana oder Prishtina in die Höhe schießen, kann die EU kaum ein neues Entwicklungspaket schnüren.

 

Von der Verbundenheit seit dem Osmanischen Reich

Besonders in Albanien und den anderen mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten Kosovo und Bosnien-Herzegowina appelliert Erdoğans Politik an die brüderliche Verbundenheit durch eine gemeinsame osmanische Geschichte. Vom 15. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Balkanregion Teil des Osmanischen Reichs. 

Vor allem in den muslimisch geprägten Balkanländern schlägt sich die osmanische Geschichte neben der Religion auch in Kultur und Sprache nieder – so heißt in jeder der ganz unterschiedlichen Sprachen der Region das Bett “krevet”, und die mittlerweile traditionell albanische Hochzeitskleidung ist im osmanischen Stil. Trotzdem gibt es zu dieser Verbindung eine alternative Betrachtungsweise, die die historisch begründete Religionspolitik Erdoğans schwächt: Der albanische Nationalheld Skanderbeg hat Albanien (wenn auch nur temporär) von den Osmanen befreit. 

Er wurde als Fürstensohn von seinem Vater während der Kriege des 15. Jahrhunderts in das expandierende Osmanische Reich verpfändet. Entgegen der Abmachung wurde er dort zum Islam konvertiert und zu einem osmanischen Krieger ausgebildet. Als er später von seiner Herkunft erfuhr, desertierte er und nahm mit anderen albanischen Soldaten seine Heimatregion wieder ein. Von dort aus verteidigte er Albanien als wieder getaufter Katholik bis zu seinem Tod gegen die Osmanen. In dem katholisch geprägten Südeuropa wurde er dafür als “Athleta Christi” Kämpfer des Christentums gefeiert.

Neuerdings sendet das albanische Fernsehen türkische Dokumentationen, die scheinbar reflektiert und wissenschaftlich die christliche Motivation hinter Skanderbegs Widerstand gegen die Osmanen zu widerlegen versuchen. 

 

Wiederaufbau der ex-sozialistischen Staaten im Balkan 

Natürlich sind Albanien und die Türkei, die von dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić als “wichtigste Macht und stärkstes Land auf dem Balkan” gepriesen wurde, hier kein Einzelbeispiel. Immobilieninvestments von der arabischen Halbinsel verwandeln ex-jugoslawische Großstädte, die bisher kaum ihre Kriegsspuren renovieren konnten, zu Mini Abu Dhabis. 

In den Marmorhallen von Sarajevos Malls, zum Beispiel, die genauso in London oder Paris stehen könnten, reihen sich Luxusgeschäfte aneinander. Die attraktivsten Urlaubsresorts entstehen in Europa seit einigen Jahren nicht mehr an der Côte d’Azur, sondern in den bosnischen Bergen. Der feine Unterschied: kein Champagner in der Rooftop-Bar, arabische Beschriftungen und verschleiertes Publikum. 

Als ehemals sozialistische Staaten haben die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs neugegründeten Staaten des Balkans der Religion in der Masse wenig Beachtung geschenkt. Albanien war bis zum Anfang der 1990er Jahre sogar ein ausdrücklich atheistischer Staat. Das Land ist heute wie auch der Rest der Balkanregion dem Laizismus nachempfunden, welcher den Staat zu einer neutralen Position gegenüber der Religion und Weltanschauungen verpflichtet. 

Die durch den Laizismus begründete politische Passivität gegenüber religiösen Einflüssen im Anfangsstadium des demokratisierenden Albanien bot islamischen Missionaren ein religiöses sowie soziales Vakuum. Kinder der armen Bevölkerung wurden gegen soziale Unterstützung in Koranschulen geschickt. Seitdem wird die islamische Kultur des Landes durch arabische und türkische Einflüsse geprägt: Imamausbildung geschieht immer noch zum Großteil im Ausland, und ausländisch finanzierte Islamvereine konkurrieren um Anhänger*innen. Auch der radikale Islamismus fasst in der Region Fuß. Fast 1000 Kämpfer*innen des IS rekrutierten sich aus dem Westbalkan.

 

Kulturelle Einflüsse und Rechtsstaatlichkeit 

Nichtsdestotrotz, die Länder des Westbalkans und besonders die albanische Bevölkerung sind in Richtung einer Zukunft in der EU orientiert. Von den aktuellen Studierenden haben viele ihre Kinderjahre als Flüchtlinge in Deutschland oder einem anderen europäischen Land verbracht. Selbst die Schulkinder, die bisher nie das Land verlassen haben, sprechen deutsch, das sie durch SuperRTL und ihre Verwandten aufgeschnappt haben – englisch sowieso schon im Kindergarten perfekt. Doch langsam dominieren türkische Soaps das Fernsehen und nicht mehr gelbe Sterne auf blauem Grund, sondern weiß auf rot wehen vor neuen Schulgebäuden, Moscheen und Einkaufszentren.

Beim EU-Westbalkan-Gipfel am 06.05.2020 hat die Kommissionspräsidentin Von der Leyen betont, dass die Westbalkan-Länder auf eine europäische Zukunft hoffen dürften. Zum Beispiel könnten neuerdings mehrere Beitrittskapitel zeitgleich geöffnet werden, wenn vorausgesetzte Reformen in den potenziellen Mitgliedstaaten erfolgt seien. 

Offen bleibt, wie die Kopenhagener Kriterien besonders in Bezug auf Rechtsstaatlichkeit erfüllt werden können, wenn die Balkanregion zu einem Satelliten der arabischen Welt wird oder als Heilsversprechen eines osmanischen “Großmacht-Traums” der Türkei dient. Schließlich werden auch keine weiteren Verhandlungskapitel zum EU-Beitritt der Türkei geöffnet, solange das Land keine Fortschritte in Fragen von Menschenrechten und Justiz unternimmt. Möchte die EU zum Beispiel mit Albanien perspektivisch ein Land aufnehmen, dessen prominenteste Attraktion die „Erdoğan-Moschee“ ist? 

Noch offener könnte in einigen Jahren europäischer Starre gegenüber religiös motivierter Außenpolitik der Türkei und arabischer Staaten jedoch sein, wie attraktiv ein EU-Beitritt mit all seinen Mühen für die Balkanländer noch sein wird. Schließlich sind es zunehmend außereuropäische Staaten, die den wirtschaftlichen Aufschwung finanzieren und die Kultur und das öffentliche Leben dominieren. 

Mittelfristig wird die EU begreifen, dass demokratieferne Staaten sich eine Enklave mitten auf den Kontinent erkauft haben. Dann bleibt ihr wenig anderes übrig, als in das Wett-Fördern in der strategisch gelegenen Region einzusteigen. Und für Albanien und seine Nachbarn lebt es sich bestimmt gut, wenn verschiedene Akteure durch immer größere Förderprojekte um ihre Gunst buhlen. 

Bisher hat die EU noch die familiäre und damit ideologische Verbindung vieler Ex- Jugoslaw*innen zu Europa auf ihrer Seite. Aber wenn bald die attraktivsten Studienstipendien von der arabischen Halbinsel kommen und die lukrativsten Wirtschaftszweige der Länder in ausländischer Hand sind, kann Europa nur hoffen, dass Werte wie Demokratie und Freiheit gegen den Prunk islamischer Außenpolitik bestehen können.

 

“Wort zum Sonntag” – eine Blogreihe des Programmbereichs Religion & Außenpolitik

Unsere Blogreihe verdeutlicht, welche Rolle religiöse AkteurInnen, Theologien und die Verankerung kulturell-religiöser Praktiken und Ansichten innerhalb von Staat und Gesellschaft in der Außen- und Europapolitik spielen und warum sich eine Beschäftigung mit dem Themenkomplex Religion & Außenpolitik lohnt. Eine rein negative Betrachtung von Religionen als Risikofaktor bezüglich des aus säkularer Perspektive gesehenen Fortschritts lehnen wir ab. 

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Anile studiert VWL in Bayreuth und interessiert sich besonders für die ökonomische Bedeutung von Religion in der europäischen Geschichte. Bei Polis180 ist sie im Programm Religion und Außenpolitik aktiv.

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