„Ein Gefällt mir für die AfD gefällt der CDU gar nicht”: Wie Rechtspopulisten Facebook regieren

Soziale Medien wie Facebook gelten nicht mehr nur als relevante Plattformen für Nachrichten. Auch im Bereich der politischen Kommunikation wächst ihr Stellenwert. Doch warum profitieren davon gerade rechtspopulistische Parteien wie AfD, Front National oder FPÖ?

Ein Beitrag von Ferdinand Issels

 

Es ist fast immer das gleiche Zitatbild: Frauke Petry schaut leicht verschmitzt neben einem Statement in großen weißen Lettern auf blauem Grund. „Drohungen aus Ankara – steht Merkels Flüchtlingspolitik vor dem aus?” oder „Merkels Rezept für Frieden: Mehr Waffen” steht dort geschrieben. Die Facebook-Wall der AfD-Vorsitzenden ist voll davon. Der Post „Ein Gefällt mir für die AfD – gefällt der CDU gar nicht” kommt besonders gut an: Mehr als 13.000 likes, über 1.400 Personen haben das Statement bisher geteilt, Tendenz steigend. Und das sind nur die Zahlen derjenigen Personen, die aktiv auf den Beitrag reagieren. Aufgrund der AfD-Followeranzahl sehen über 100.000 Menschen so einen Post auf ihrer Wall. Mit anderen Worten: Die AfD ist eine Social-Media-Maschine. Allein über Facebook erreichen die RechtspopulistInnen monatlich ein Millionenpublikum.

Europaskeptische und rechtspopulistische Parteien wie die AfD, der Front National oder die FPÖ sind in den Sozialen Medien enorm erfolgreich und lassen dabei die etablierten Volksparteien weit hinter sich. In Deutschland steht Frauke Petry mit 170.000 Followern in der Beliebtheit nur knapp hinter Kanzlerin Angela Merkel und weit vor Horst Seehofer. In europäischen Nachbarstaaten ergibt sich ein noch drastischeres Bild: Bei den Franzosen zieht die Vorsitzende des Front National Marine Le Pen auf Facebook sogar ohne Amt in der Regierung mit über 1 Millionen Anhängern am Staatspräsidenten Francois Hollande vorbei. Und in Österreich versammelt FPÖ-Kopf Heinz-Christian Strache gleich viermal so viele Follower wie der amtierende Kanzler Christian Kern.

Wer das letzte Jahr der außen- und europapolitischen Debatten von der Flüchtlingskrise über den Syrienkrieg bis hin zum Brexit online verfolgt hat, weiß um die Auswirkungen solcher Zahlen. Im Web sind extreme Hassbotschaften und Statements sichtbarer denn je. Die RechtspopulistInnen sind präsent und beeinflussen zunehmend den öffentlichen Diskurs. Und der massive Stimmengewinn der genannten Parteien zeigt, dass diese Entwicklung konkrete Auswirkungen auf das Wahlverhalten hat: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Facebook-Erfolg und Wahlerfolg.

 

Facebook ist nicht neutral. Denn tatsächlich spielt die Funktionsweise der Plattform populistischen Parteien wie der AfD und Co. in die Hände.

Ein erster Grund für den Aufstieg liegt in der Struktur von Facebook. Die Seite kann man wie einen Filter verstehen und die Funktionsweisen verschaffen Parteien mit Extrempositionen einen Vorteil. Drei Beispiele verdeutlichen das.

Zunächst bietet Facebook ein ideales Netzwerk für Menschen mit politischen Extrempositionen. Der Gedanke ist einfach: Während es in meinem eigenen Dorf schwer oder fast unmöglich war, einen zweiten Menschen mit derselben politischen Extremmeinung zu finden, habe ich im globalen Dorf namens Facebook über Gruppen und Hashtags Zugang zu Millionen von Menschen gefunden. Und bei Facebook bin ich niemals allein. Denn der von der Seite implementierte Algorithmus, der die Posts auf meiner Facebook-Wand selektiert, befeuert diesen Trend sogar. Die Posts von Menschen, die ähnliche Sichtweisen wie ich vertreten, werden höher gerankt als andere.

Bei Facebook werden darüber hinaus extreme Reaktionen in Kommentarspalten überrepräsentiert. Der Grund: Wer Hass oder Wut empfindet, möchte das loswerden. Wer bloße Zustimmung fühlt oder dem Ganzen emotionslos gegenübersteht, hat hingegen meist nicht das Bedürfnis, sich in der Kommentarspalte dazu zu äußern. Das führt jedoch zu einer verzerrten Wiedergabe der Realität. Denn die Extremmeinungen von Wenigen erwecken plötzlich den Anschein, die Haltung eines viel größeren Teils der Gesellschaft zu sein.

Eine dritte strukturelle Dynamik, die insbesondere für rechtspopulistische Parteien von Bedeutung ist, liegt in der Möglichkeit bei Facebook politische Inhalte mit Gefühlen zu kommunizieren. Das fängt schon damit an, dass heutzutage Posts nicht mehr ohne Bilder auskommen und Emojis zunehmend unsere Sprache ersetzen. Der Trend zeigt, dass komplexe Informationen im Vergleich zu Emotionen völlig in den Hintergrund rücken. Frei nach dem Motto: Gefühl ist alles, Inhalt ist Schall und Rauch. Willkommen in der pervertierten Romantik unserer Moderne!

 

Während AfD, FN und FPÖ diesen Trend nutzen, verstehen Deutschlands etablierte Parteien die Bedeutung des Mediums nicht.

Gegensteuern? Fehlanzeige. Das ist der zweite Grund für den Erfolg der rechtspopulistischen Parteien. Viele PolitikerInnen etablierter Volksparteien finden in den Sozialen Medien gar nicht statt. Der Aufstieg konkurrierender Parteien wird registriert, bleibt aber folgenlos. Trotz der parteipolitischen Entwicklungen sind die Volksparteien weiter am Schlafwandeln. Klar muss man Ausnahmen zugestehen. Angela Merkel glänzt beispielsweise mit 2 Millionen Followern. Doch ein großer Teil der Abgeordneten ist auf Facebook quasi nicht existent.

Nur ein Beispiel aus Deutschland: Neben dem bayerischen Ministerpräsidenten gibt es nicht einen einzigen Unionspolitiker, der auch nur ein Viertel der Community von Frauke Petry erreicht. Gerade einmal vier von neun der UnionspolitikerInnen, die eines der Ministerämter innehaben, pflegen überhaupt ein eigenes Facebook-Profil. Die AfD-Vorsitzende kommt mit ca. 170.000 somit auf mehr als viermal so viele Follower, wie die persönlichen Seiten aller im jetzigen Bundeskabinett vertretenen CDU/CSU-MinisterInnen zusammen.

 

How to Facebook: Eine überfällige To-Do-Liste!

Die Schlussfolgerung aus diesem desolaten Zustand liegt auf der Hand. Die europäischen Volksparteien müssen radikal umdenken und handeln. In einem ersten Schritt ist eine Analyse des Status quo der Online-Kommunikation fällig. Die Statistiken über das Followerverhalten, die Facebook professionellen Seitennutzern bereitstellt, bieten hierzu diverse Möglichkeiten.

Dazu gehört vor allem das Aufräumen von Mythen: Facebook ist zum Beispiel nicht nur für junge Leute interessant. Laut aktuellen Studien werden immer mehr Menschen aus verschiedenen Altersgruppen zu digitalen Freunden und Followern. Das macht Plattformen wie Facebook zu einem unentbehrlichen Instrument für die politische Kommunikation von PolitikerInnen und Parteien. Aus diesem Grund sollten alle führenden Parteimitglieder dazu verpflichtet werden, eigene Facebook-Seiten zu bespielen. Wer im Vorstand sitzt, eine Fraktion leitet oder sogar ein Ministeramt bekleidet, muss in der Lage sein, die zeitlichen und personellen Ressourcen dafür bereit zu stellen. Immer wieder begründen Abgeordnete die Nicht-Existenz einer eigenen Seite mit der persönlichen Abneigung oder mangelnder Kompetenz. Doch Facebook heute nicht zu nutzen, ist wie wenn man sich vor 50 Jahren geweigert hätte, Fernsehinterviews zu geben.

Schließlich – und das ist vielleicht der wichtigste Gedanke – sollte Facebook als Chance und ein riesiges ungenutztes Potenzial für PolitikerInnen gesehen werden. Denn das Medium ist eigentlich ideal, um genau das zu erzeugen, was weiten Teilen der Bevölkerung heute vor allem in der außen- und europapolitischen Diskussion fehlt: Transparenz, Bürgernähe und Inklusion. Ob persönliche Fotos aus dem Wahlkreis, Einblicke in den Abgeordnetenalltag oder einfach mal einen Gruß zu Ostern. Vor allem persönliche Inhalte, die einen menschlicher erscheinen lassen, kommen gut an.

Der österreichische Außenminister der ÖVP, Sebastian Kurz, zeigt beispielsweise besonders gut, wie Online-Kommunikation geht. Auf seiner Seite bietet er jede Menge Bürgersprechstunden, Fakten und Statements – und wird von der Online-Gemeinde dafür als bürgernahe Zukunftshoffnung – oder Wunderwuzzi – seiner Partei geschätzt und gefeiert.

 

Das Polis Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder. Bildquelle: http://bit.ly/2fSO0wE.

The following two tabs change content below.

Ferdinand Issels

Ferdinand Issels hat im deutsch-französischen Masterprogramm der SciencesPo Paris und der FU Berlin Politikwissenschaften studiert. Nach einer Tätigkeit als Pressereferent in einem Bundestagsbüro arbeitet er heute im Bereich Online-Kommunikation für einen deutschen Industrieverband.
0 Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Schreibe unserer Blogredaktion!

Falls Du Fragen, Anregungen oder Beiträge zum Polis Blog hast, dann kannst du uns hier kontaktieren!

Sending

Log in with your credentials

Forgot your details?