Veranstaltungsbericht 

Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt im Kontext von Fluchterfahrungen

mit

Ulrike Krause und Tatevik Dallakyan

11. Januar 2022, 19 Uhr


Frauen und LGBTQI+ Personen haben oftmals besondere Fluchterfahrungen, die sich von denen männlicher Geflüchteter unterscheiden. Einige Fluchtursachen – beispielsweise Krieg oder die Zugehörigkeit zu einer verfolgten religiösen oder ethnischen Gruppe – betreffen Menschen ungeachtet ihres Geschlechts auf ähnliche Weise. Dagegen sind von geschlechtsspezifischer Gewalt meist insbesondere Frauen und LGBTQI+ Personen betroffen. UNHCR merkt zudem an, dass in Kontexten gewaltsamer Konflikte und der Auflösung staatlicher Strukturen auch das Ausmaß geschlechtsbasierter Gewalt innerhalb von Gesellschaften zunimmt. 

Diese Gewalt kann Menschen zur Flucht bewegen, aber auch während und nach der Flucht auftreten. Auch das Ankommen im Aufnahmeland verändert diesen Umstand nicht. So belegen Studien die bestehenden Gefahren in Asylunterkünften in Deutschland. Das Deutsche Institut für Menschenrechte weist dabei auf “erhebliche Defizite” im Gewaltschutz in Asylunterkünften hin. 

Es liegt auf der Hand, dass diese Missstände behoben und erforderliche Schutzmaßnahmen für vulnerable Gruppen ergriffen werden müssen. In diesen Diskussionen dominiert allerdings das Narrativ des “vulnerablen Opfers” als die gängige Darstellung von weiblich gelesenen Geflüchteten. 

Die Frage, wie wir über Schutz und Gewalt sprechen können, ohne eine “Opferrolle” und “Vulnerabilität” als Fremdzuschreibungen zu konstruieren, diskutierten wir im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der Programme Gender und Internationale Politik sowie Migration von Polis180 mit den Referentinnen Ulrike Krause und Tatevik Dallakyan. Zudem wurde die Veranstaltung von Gedichten von Rojin Namer und Robina Karimi von The Poetry Project begleitet. 

Ulrike Krause, Juniorprofessorin für Flucht- und Flüchtlingsforschung an der Universität Osnabrück, machte zu Beginn der Veranstaltung deutlich, dass insbesondere im Fluchtkontext Strukturen wie z.B. Flüchtlingscamps vorzufinden sind, die zu vermehrter Gewalt auch unter den Geflüchteten führen. Diese müssten daher langfristig abgeschafft werden. 

Zudem kritisierte sie die Reproduktion des Narrativs, in welchem Frauen immer als “Opfer” und Männer des Globalen Südens oft als “Täter” wahrgenommen werden würden. Dies würde auch die Handlungsfähigkeit von weiblichen Geflüchteten negieren. Daher lautete ihr Appell, Geflüchtete und vor allem Frauen in erster Linie als Menschen anzusehen und nicht nur in der Kategorie “Flüchtling” zu verorten. 

Tatevik Dallakyan, Multiplikatorin für Gewaltschutz im Projekt „Dezentrale Beratungs- und Unterstützungsstruktur für Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften” (DeBUG), bekräftigte diese Argumente mit ihren Erfahrungen aus der Praxis. Für sie ist die Unterscheidung und Anerkennung von direkter, struktureller und kultureller Gewalt entscheidend. Des Weiteren bemängelt sie die fehlende Verbindlichkeit der Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften und nicht ausreichende Informationen für die Vorbereitung auf das Asylverfahren. So sei vielen Frauen beispielsweise nicht bewusst, dass geschlechtsspezifische Gewalt als Asylgrund anerkannt werden kann. 

Sowohl Tatevik Dallakyan als auch Ulrike Krause betonten, dass in erster Linie und als wichtigster Schritt viel mehr direkt mit geflüchteten Menschen gesprochen werden muss und diese aktiv in Diskussionen um Lösungen einbezogen werden sollten. 

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