Event Report

Diaspora & Entwicklung: Bottom-Up Ansätze

BarCamp Veranstaltung mit Maiva Keutchaji, Renée Eloundou und Tatiana Ngobo 

26. August 2021, 19:00-21:00

Diaspora Veranstaltung

Die Verbindung zwischen internationaler Migration und Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist nicht ausreichend in ihrer Komplexität bekannt und die transnationale Beiträge von Diasporamitgliedern nicht ausreichend untersucht. Zum Auftakt einer neuen Staffel der Serie DIASPORA? haben wir uns daher im Hybridformat sowohl in der berliner Ulme 35 – Interkulturanstalten e.V. als auch digital getroffen, um weitere Perspektiven auf das Thema „Diaspora & Entwicklung“ zu werfen.

Anlass war die Veröffentlichung des Videointerviews mit Maiva Keutchaji, einer jungen Aktivistin aus Kamerun, die sich von Berlin aus für die Förderung junger Mädchen in ihrem Herkunftsland einsetzt. 2018 gründete sie mit Schulfreundinnen den Verein Fortis Puella in Jaunde, mit dem sie die Schuldbildung kamerunischer Mädchen fördern will. Maiva lebt seit über sieben Jahren in Deutschland und möchte Fortis Puella nun auch hier als Verein eintragen, um die Reichweite ihres Engagements auch in Europa zu verbreiten. Das Engagement, die Kompetenzen und die Informationen dafür bringt Maiva mit; für die Vereinseintragung suchte sie noch sechs weitere, in Deutschland lebende Gleichgesinnte.

Die Veranstaltung im BarCamp-Format diente der Vernetzung und dem Erfahrungsaustausch zwischen Engagierten und Stakeholdern migrantischer, diasporischer Vereine, die im Bereich der EZ aktiv sind.

Zu Gast waren die Aktivistin Maiva Keutchaji, Renée Eloundou, Bildungsreferentin bei NARUD e.V. und Leiterin der Geschäftsstelle vom Landesverband Afrikanischer Vereine sowie Tatiana Ngobo, Mitarbeiterin im Verein Camfomedics e.V.

Renée Eloundou brachte eine praxisorientierte Perspektive auf die Herausforderungen für das Engagement migrantischer Vereine und insb. Freiwilliger aus dem globalen Süden im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit. Tatiana Ngobo präsentierte das gelungene Beispiel eines Bottom-Up-Ansatzes aus der Diaspora: Seit 1994 schließen sich Ärzt*innen kamerunischer Herkunft zusammen, um durch Vernetzung und Informationsaustausch die Ankunft junger Pharma-, Heilkunde- und Medizinstudent*innen aus Kamerun – und aus Ländern in Subsahara-Afrika – in Deutschland zu fördern und ihre Integration in diesen Studiengängen zu vereinfachen. Mittlerweile führt Camfomedics vielfältige Projekte zwischen Deutschland und Kamerun durch, um die Rahmenbedingungen der Gesundheitsvorsorge zu verbessern, medizinische Fachkräfte mit Beratungsangebote zu unterstützen oder mit Fachworkshops oder Praktika (in Kamerun oder in Deutschland) weiterzubilden. Weil Camfomedics von in Deutschland ausgebildeten kamerunischen Ärzt*innen geführt wird, hat der Verein gute Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen medizinischem Fach- und Nachwuchspersonal in Deutschland und in Kamerun. Abseits des Problems der finanziellen Ressourcen stellt die Frage der effizienten Vernetzung der in Deutschland lebenden Studierenden aus afrikanischen Ländern die größte Herausforderung dar – und ist gleichzeitig die große Stärke des Vereins. Hindernisse liegen in der Zersplitterung der Vereins- und Initiativlandschaft und mangelndem Interesse bei Betroffenen angesichts anderer Probleme.

Renée Eloundou erläuterte weitere praktische Hürden für das Engagement von in Deutschland lebenden Menschen aus dem globalen Süden: die Anerkennung von Kompetenzen, die Fragmentierung der Initiativen und administrativen Hürden wie Visafragen standen im Mittelpunkt der Diskussion.

Gemeinsam erläuterten wir essentielle Kriterien für erfolgreiche Bottom-Up Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit durch Freiwillige aus dem globalen Süden.

  • Weil viele Diasporamitglieder und Menschen mit einer Migrationserfahrung – bspw. aus Kamerun – sich von Deutschland aus engagieren, gibt es sehr viele Initiativen und Vereine bundesweit, die teilweise ähnliche Ziele verfolgen. Dieser Fragmentierung macht eine solide Vernetzung unabdingbar, denn sie konkurrieren um dieselben finanziellen und personellen Ressourcen. Auch wenn die lokale Verankerung der Vereine sehr wichtig ist, kann Zusammenarbeit ihre Strahlkraft stärken und die Umsetzung von größeren Projekten fördern.
  • Diese Netzwerke sind besonders wichtig, um an praktische Informationen zu gelangen. In der Vereinsarbeit, u.a. im Entwicklungsbereich, hängt das Gelingen des Vorhabens maßgeblich von einem breiten, offenen Zugang zu Informationen zu Förderprogrammen, Anlaufstellen und Ansprechpartner*innen in verschiedenen Behörden oder Förderorganisationen ab. Informationen sind eine der Hauptressourcen für effiziente Arbeit. Dabei spielen Netzwerke wie Landesverbände oder Bundesverbände als Anlaufstellen eine essentielle Rolle und könnten aktiv(er) mit ihrem Vernetzungs-, Beratungs- und Professionalisierungsangebot auf Vereine zugehen.
  • Fachkräfte, Entwicklungsarbeiter*innen und Freiwillige, die transnational Entwicklungsarbeit leisten, haben oft Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Reisevisa. Da Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe persönlichen, grenzüberschreitenden Austausch erfordert, sollte in diesem Bereich die Vergabe von Visa einfacher sein. Allerdings eröffnet die Digitalisierung der Praxen, die in den letzten zwei Jahren pandemiebedingt rasch vorangetrieben wurde, neue Horizonte, auch für die EZ.
  • In der EZ gibt es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Entwicklungszusammenarbeits– und Förderprogramme aus dem globalen Norden für den globalen Süden zu konzipieren, ist zum Scheitern verurteilt. Dagegen können Diasporamitglieder aus dem globalen Süden in transnationalen Netzwerken, Vereinen und Verbänden mit wertvollen Kompetenzen, Ressourcen und Kenntnissen unter bestimmten Voraussetzungen zu besseren EZ-Ansätzen beitragen und als Brückenbauer fungieren. Dafür müssen allerdings die Leistungen und Kompetenzen von Menschen aus dem globalen Süden anerkannt werden können, insb. Kompetenzen aus der Praxis, die nicht immer in akademischen Abschlüssen oder durch Zertifikate festgestellt wurden. Diasporagruppen und migrantische Vereine können einen maßgeblichen Beitrag zu diesem Austausch leisten.

Die zahlreichen Herausforderungen konnten wir durch unsere BarCamp-Veranstaltung zwar aufzeigen, aber nicht bewältigen. Einen ganz praktischen Erfolg gibt es trotzdem: Maiva, die Protagonistin der DIASPORA?-Serie, hat sich durch die Veröffentlichung des Interviews und die Veranstaltung vernetzt und ihr Projekt vorangetrieben. Fortis Puella Deutschland hat nun genug Interessenten und kann bald eingetragen werden.

Am 29. Oktober führen wir den Perspektivenaustausch zum Thema DIASPORA? weiter, in einer Diskussion mit Annette Kammerer, der Protagonistin der vierten Folge, und weiteren Gästen zum Thema „Diversität in der deutschen (Kultur-)Politik – warum Vielfalt politisch ist“.

LpB

Das Projekt DIASPORA? wird von Polis180 durchgeführt und von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung gefördert.

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