Launch-Event DIASPORA!

mit Josip Juratovic (MdB), Krsto Lazarevic & Fëllanza Podrimja

9. Dezember 2019, 18.30-21.00, Berliner Landeszentrale für politische Bildung

Veranstaltungsbericht

Fotos: Kristin Puschmann / Polis180

In unserer neuen Serie DIASPORA! stellen wir euch regelmäßig junge Menschen vor, die sich für ihre Herkunftsländer engagieren und sich politisch einmischen. Am 9. Dezember feierte die erste Folge beim offiziellen Launch-Event in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung Premiere. Anschließend sprachen wir auf dem Panel mit dem Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic, dem Journalisten Krsto Lazarevic und unserer ersten Protagonistin Fëllanza Podrimja über Heimat im politischen Diskurs, Integration für Anfänger und die Zukunft des Kosovo.

Im Video stellt Fëllanza Podrimja sich selbst und ihr politisches Engagement vor, sowohl aus Deutschland heraus für das Kosovo als auch für pan-albanische Belange in Berlin. Am 6. Oktober wurde in vorgezogenen Neuwahlen ein neues Parlament in Prishtina gewählt, nachdem der amtierende Premierminister Ramush Haradinaj vor das Kosovo-Tribunal in Den Haag bestellt wurde und daraufhin überraschend sein Amt niederlegte. Fëllanza hat die Mobilisierung der kosovarischen Wählerschaft in Berlin mitorganisiert und hofft auf entscheidende Veränderungen in dem Land, das seit der Unabhängigkeit im Jahr 2008 um internationale Anerkennung kämpft. Diaspora, das bedeutet für sie „Heimat in der Heimat”.

Josip Juratovic ist seit 2005 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Heilbronn. Er wurde in Jugoslawien geboren und war der erste Bundestagsabgeordnete kroatischer Herkunft. Politisch befasst er sich vor allem mit auswärtigen Themen und setzt sich in verschiedenen Ausschüssen und Parlamentariergruppen auch für die Region des westlichen Balkans ein. Zuhause ist für ihn vor allem die Küche seiner Frau in Schwaben, wo er seit 1974 lebt. Er bezeichnet sich selbst als „Verfassungspatrioten” und setzt sich für Demokratisierungsprozesse in ganz Europa ein.

Krsto Lazarevic arbeitet für den EU-Abgeordneten Erik Marquardt. Zuvor berichtete aus Sarajevo, Belgrad und Wien für verschiedene deutschsprachige Medien über den Balkan. Mit sechs Jahren kam er aus Bosnien-Herzegowina nach Reutlingen in Baden-Württemberg, „weil es dort gerade gemütlicher war”. Mit Danijel Majić berichtet er im Podcast „Neues vom Ballaballa-Balkan” regelmäßig aus der Region und schafft es, mit seiner kritischen und teils polemischen Berichterstattung Nationalisten aller Länder gegen sich aufzubringen.

Der Begriff „Diaspora” stammt aus dem Altgriechischen und taucht zum ersten Mal im 5. Buch Mose auf, um die Zerstreuung des jüdischen Volkes zu beschreiben. Tatsächlich wurde er über Jahrhunderte ausschließlich für jüdische Gemeinschaften außerhalb Israels verwendet und fand erst Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend Eingang in den Diskurs um Transnationalismus. Heute findet das Konzept breite Anwendung und dient nicht zuletzt als Selbstbeschreibung.

Im Mittelpunkt des Abends stand allerdings ein anderer Begriff, nämlich „Heimat”. Das Berliner Gorki-Theater hat seinen diesjährigen Herbstsalon unter das Motto „De-Heimatize it” gestellt, entlehnt dem Vortrag „De-heimatize Belonging” der Politikwissenschaftlerin Bilgin Ayata, in dem sie Heimat als einen von der deutschen kolonialen und faschistischen Gewaltgeschichte unrettbar diskreditierten Begriff kritisiert und dazu aufruft, andere Zugehörigkeiten zu denken. Im aktuellen Erstarken nationalistischer Bewegungen erlebt er Hochkonjunktur und dient in vielen Fällen der Ausgrenzung und Diskriminierung nach einem völkischen Verständnis.

Die individuelle Benutzung und damit verbundenen persönlichen Gefühle zur eigenen Heimat seien von der Verwendung im politischen Diskurs klar zu trennen, waren sich die PanelistInnen einig. „Was für mich Heimat ist, entscheide ich selbst”, stellte Fëllanza Podrimja klar. Krsto Lazarevic, der selbst bei Bilgin Ayata studiert hat, stimmt mit deren Kritik in vielerlei Hinsicht überein und sieht Entwicklungen wie die Namenserweiterung des Innenministeriums um diesen Begriff als Manifest struktureller Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Besonders deutlich wurde diese im Schulalltag: In einem Artikel beschrieb Krsto 2015 seinen Einbürgerungstermin in Berlin-Neukölln, zu dem er in bayrischer Tracht erschien und seinen Platz im Warteraum mit einem Handtuch belegte. Trotz besserer Noten bekam er eine Hauptschulempfehlung, was er auf seinen Konsonant-lastigen Vornamen zurückführt. Er wechselte durch die Schulformen und machte schließlich Abitur; vielen anderen in seiner Klasse war es diese Mühe nicht wert. Auch Fëllanza kennt das Gefühl, die einzige Migrantin in einer Gymnasialklasse zu sein und ärgert sich darüber, sich damals vor allem um Anpassung bemüht zu haben. Wie nicht zuletzt die aktuelle PISA-Studie zeigt, steht der Bildungserfolg in Deutschland auch 2019 noch in engem Zusammenhang mit der eigenen Herkunft. Fëllanza gibt sich kämpferisch: „Wir haben diese Erfahrung gemacht und müssen darüber reden, um anderen Mut zu machen und die Politik zum Handeln zu zwingen!”

Josip Juratovic begann seine Karriere als Fließbandarbeiter und konnte ohne deutschen Pass kein politisches Amt übernehmen. 1998 erhielt er die Staatsbürgerschaft, die dritte in seinem Leben, da er nach dem Zerfall Jugoslawiens einen kroatischen Pass bekam. Bis heute zeigt sich seine Wut darüber, dass wir „als Gesellschaft nicht fähig sind, die Leistung von Migranten anzuerkennen und zu sagen, ihr gehört dazu”. Die größte Gefahr nationalistischer Tendenzen sind für ihn nicht solche, die am lautesten schreien – sondern jene, die daraufhin schweigen. In der anschließenden Diskussion wurden Patriotismus und Nationalismus getrennt und in Bezug auf das Kosovo erörtert. Kann albanischer Nationalismus inklusiv gedacht werden, oder ist er per Definition diskriminierend, insbesondere gegenüber der serbischen Minderheit?

Der kleinste Balkanstaat stand zum Schluss des Gesprächs im Fokus. Im Kosovo hat die langjährige Oppositionspartei Lëvizja Vetëvendosje! (zu deutsch „Bewegung für Selbstbestimmung”) die meisten Stimmen gewonnen und wird vermutlich mit ihrem nicht zuletzt in Deutschland sehr umstrittenen Parteichef Albin Kurti den neuen Premierminister stellen. Fëllanza ist selbst Parteimitglied und angesichts der Koalitionsverhandlungen mit der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) optimistisch, während Krsto und Josip Juratovic zwar einen Wandel im Kosovo befürworten, der nationalistischen Rhetorik des Parteichefs jedoch kritisch gegenüberstehen.

Zum Schluss der Veranstaltung wurden die Diskussionen in informellem Kreis bei Burek und Ayran fortgesetzt. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die PanelistInnen, alle HelferInnen und insbesondere die Berliner Landeszentrale für politische Bildung, dass sie diesen Abend möglich gemacht haben!

In unserer neuen Videoserie DIASPORA! stellen wir euch ab sofort regelmäßig junge Menschen vor, die sich einmischen  und ihren Stimmen über Statistiken und Klischees hinaus Gehör verschaffen. Wir suchen den Dialog auf individueller Basis und in enger Absprache mit den jeweiligen ProtagonistInnen, die sich und ihre Anliegen vorstellen. Daraus ergibt sich kein Gesamtbild dessen, was „Diaspora“ in Deutschland bedeutet – vielmehr wird die Vielfältigkeit und teils Widersprüchlichkeit der individuellen Biografien wie auch der gesellschaftlichen Diskurse deutlich. Die zweite Folge mit Ana Kiknadze aus Georgien erscheint im Januar 2020.

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