Polis kocht!

Frauen & Landwirtschaft in der Entwicklungspolitik

15. August 2018

bi’bak

Mit Dr. Hannah Neumann und Carsta Neuenroth

(Der Bericht folgt weiter unten)

POLIS KOCHT! Frauen & Landwirtschaft in der Entwicklungspolitik

Am 15. August 2018 kamen wir für die vierte Veranstaltung im Rahmen unserer Reihe „Polis kocht! Außen- und Europapolitik geht durch den Magen“ zusammen. Diesmal ging es um Frauen & Landwirtschaft in der Entwicklungspolitik. Dazu hatten wir zwei sachkundige Expertinnen geladen:

  • Dr. Hannah Neumann, Vorsitzende des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen in Berlin-Lichtenberg und selbstständige Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit und
  • Carsta Neuenroth, seit 2009 Referentin für Gender beim evangelischen Entwicklungsdienst Brot für die Welt.

In vielen Ländern des Globalen Südens sind Frauen für einen Großteil der Nahrungsmittelproduktion verantwortlich. Bereits der Weltagrarbericht 2008  wies auf eine „Feminisierung der Landwirtschaft“ infolge von Bürgerkriegen, Aids und Abwanderung hin. Allerdings ist die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft wenig formalisiert und wird dadurch statistisch oft nicht erfasst. Verlässliche Zahlen über die Anteile von Frauen sind dadurch nur schwer zu erhalten.

Trotz ihrer wichtigen Rolle in der Nahrungsmittelproduktion werden Frauen in Bezug auf Zugang, Eigentum und Kontrolle von Anbauflächen immer noch systematisch diskriminiert. Auch von niedrigen Anbaustandards in der Landwirtschaft sind insbesondere Frauen betroffen. Obwohl Frauen je nach Land zwischen 20 und 80% der Arbeitskraft in der Nahrungsmittelproduktion stellen, sind sie in allen Regionen der Welt häufiger von Hunger und Mangelernährung betroffen und benachteiligt im Zugang zu produktiven und finanziellen Ressourcen. Ihre formelle Beschäftigung in der Landwirtschaft wird geringer bezahlt und ist meist prekär. Dazu kommen mangelnde Repräsentation in Entscheidungsprozessen, Gewalterfahrungen und die Bürde der doppelten Arbeit durch vorherrschende, traditionelle „Ernährer“-Modelle.

Wir wollten wissen: Welche Ansätze gibt es in der Entwicklungspolitik, um Frauen und ihre Rechte zu stärken? Welche konkreten entwicklungspolitischen Projekte setzen sich mit Frauen und Landwirtschaft auseinander, und welche Lösungsansätze verfolgen sie? Wie hängen Gender, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit zusammen?

Zusammen mit Dr. Hannah Neumann und Carsta Neuenroth kochten wir am 15. August mit Reis und Kaffee. Reisanbau zählt zu den größten landwirtschaftlichen Produktionszweigen weltweit, auch vom Kaffeeanbau leben etwa 100 Millionen Menschen. In beiden Fällen spielen kleinere Familienbetriebe eine große Rolle. Dort sind Anbau und Ernte besonders oft weibliche Aufgaben.  

Unser Publikum bestand neben Studierenden und allgemein Interessierten auch aus in der Entwicklungspolitik tätigen Young Professionals. Dies führte während der Veranstaltung zu einem vielfältigen Diskussionen. Gleich zu beginn betonte Dr. Hannah Neumann, dass Gender für sie immer ein Menschenrechtsthema sei. Sie argumentierte, dass die Bundesregierung im Bereich Gender und Entwicklung noch deutlich aktiver werden und die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen vor allem stringenter und genauer überwachen sollte. Insgesamt bewertete sie die Arbeit der Bundesregierung als ungenügend – „Deutschland ist international kein Vorreiter im Bereich Gleichstellung!“.

Carsta Neuenroth wies darauf hin, dass man bei der Teilhabe von Frauen genau darauf achten müsse, dass diese auch wirksam sei. Frauen an den Tisch zu bringen sei wichtig, das hieße aber noch lange nicht, dass sie wirklich auch Entscheidungen treffen können. In der Landwirtschaft bestimmten beispielsweise immer noch meist die Männer, welche Nahrungsmittel angebaut würden – auch wenn Frauen beispielsweise für die Ernährung einer Familie verantwortlich sind, haben sie nur selten Entscheidungsgewalt über die angebauten Gemüsesorten. Oft würden Frauen sich gar nicht als Landwirtinnen betrachten, sondern sich nur als “Gehilfinnen” von Männern sehen. Daher arbeite Brot für die Welt sehr stark an der Schnittstelle von Gender und Entwicklung. Bei allen Projektanträgen, die für die Förderung der Stiftung in Frage kämen, auch bei solchen, die keinen Gender-Fokus hätten, müsse eine Genderanalyse vollzogen werden. So könne man sichergehen, dass die Belange von Frauen bei allen Projekten berücksichtigt würden und man transformative Ansätze verfolge, die wirklich strukturelle Verbesserungen zur Folge haben. Allerdings sei es für die Partnerorganisationen in Entwicklungsländern oft nicht leicht, diese Analysen durchzuführen. Zudem müsse man bei Projekten darauf achten, dass Frauen durch die Idee von „Women’s Empowerment“ nicht mit noch mehr Aufgaben überlastet werden – an erster Stelle stehe, den Frauen andere, unbezahlte Arbeit abzunehmen: beispielsweise durch Kinderbetreuung.

Dr. Hannah Neumann hob hervor, dass Männer im Zuge der Gleichstellung mehr Care-Arbeit übernehmen müssten. So müsse man immer parallel an der Veränderung von Strukturen und Rollenbildern arbeiten. Sie betonte, dass Vorbilder unabdingbar seien, damit Frauen das nötige Selbstvertrauen gewinnen. Sie schlug vor, dass die EU spezielle Fördergelder im Bereich Gender bereitstellen sollte; zudem könnte die EU Ländern einen besseren Marktzugang versprechen, wenn diese Frauen bei Landbesitz gleichstellen. Als ‚best practices’ nannte sie den Kampf für Frauenrechte in Tunesien, das geschlechtersensible Friedensabkommen in Kolumbien und die #metoo-Bewegung, die Frauen auf der ganzen Welt dazu gebracht habe, ihr Schweigen zu brechen. Eine Teilnehmerin fügte hinzu, man müsse den Nord-Süd-Austausch ernst nehmen und könnte beispielsweise einen Erfahrungsaustausch zu Quoten und Gleichstellung zwischen Regionalpolitikerinnen in Deutschland und weiblichen Abgeordneten in Ruanda oder Tunesien anregen, um Vorurteile abzubauen und Best Practices zu teilen.

Positiv bewertete Carsta Neuenroth, dass Gender nun auch Thema bei hochrangigen multilateralen Foren wie G7 und G20 sei, was vor einigen Jahren niemand für möglich gehalten hätte – gleichzeitig müsse man schauen, wie viele der wohlklingenden Absichtserklärungen am Ende tatsächlich umgesetzt werden. Unsere Referentinnen waren sich einig, dass man entwicklungspolitische Gleichstellungsarbeit von der Genderperspektive, die Frauen und Männer mit einbezieht, her denken müsse – nur so könne man Frauen wie Männern ein besseres Leben ermöglichen.

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