In Europa wächst die sicherheitspolitische Dringlichkeit. Während die Verteidigungsindustrie politisch priorisiert wird, bleibt die sicherheitsrelevante Rohstoffbasis ohne strategische Steuerungslogik – eine Lücke mit Risiko.
Ein Blogbeitrag von Anna Kierner
Europa in der Zeitenwende
Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen investieren viele europäische Staaten verstärkt in einsatzfähige Streitkräfte. Die europäische Verteidigungsindustrie ist weitgehend durch nationale Beschaffungssysteme geprägt, wodurch eine industrielle Konvergenz erschwert wird. Parallel dazu stärkt auch die EU die Regulierung ihrer Verteidigungsindustrie. Mit dem European Defence Industry Plan (EDIP), der im Dezember 2025 in Kraft trat, sollen Wettbewerbsfähigkeit, Lieferkettenresilienz und Einsatzbereitschaft systematisch gesichert werden. Doch wie stärkt man die Europäische Verteidigungsindustrie konkret?
Was EDIP leistet
Mit einem Budget von € 1,5 Milliarden für den Zeitraum 2025 bis 2027 bündelt EDIP Instrumente zur Steigerung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit, zur Absicherung von Lieferketten in Krisenzeiten sowie zur Unterstützung des Wiederaufbaus der ukrainischen Verteidigungsindustrie. Ein zentrales Element ist dabei die Förderung grenzüberschreitender Rüstungskooperationen. Mitgliedstaaten, die gemeinsam Projekte realisieren, erhalten erleichterten Zugang zu EU-Mitteln sowie steuerliche Anreize. Gleichzeitig adressiert EDIP gezielt kleine und mittlere Unternehmen, die als Rückgrat europäischer Verteidigungslieferketten gelten, etwa durch den FAST-Fonds zur Finanzierung von Investitionen. Für Förderinstrumente, die unter EDIP zur Verfügung stehen, gilt das „Buy European“-Prinzip. Dieses sieht eine Mindestwertschöpfung von 65 % innerhalb der EU bzw. des Europäischen Wirtschaftsraumes vor und zielt damit gezielt auf die Stärkung europäischer Produktionskapazitäten auf Komponentenebene ab. Besonders relevant ist jedoch die Einführung von Krisenmechanismen. Im Falle eines sicherheitsbezogenen Notfalls könnte die Europäische Kommission Unternehmen anweisen, Verteidigungsaufträge zu priorisieren.
Die materielle Grundlage
Neben einem hohen Innovationsgrad benötigt moderne Verteidigungstechnologie vor allem eines: Rohstoffe. Insgesamt werden von der NATO zwölf Rohstoffe als verteidigungskritisch klassifiziert, während die EU im Rahmen des Critical Raw Materials Act (CRMA) siebzehn strategische Materialien definiert, die für Schlüsselindustrien – von grünen Technologien bis zur Verteidigung – essenziell sind. Der europäische Markt ist in hohem Maße von Importen abhängig, denn der Großteil dieser Rohstoffe wird außerhalb der EU gefördert und verarbeitet. Um die europäische Unabhängigkeit zu stärken, definiert der CRMA Ziele zur Erhöhung der Eigenkapazitäten, Verarbeitungs- und Recyclingquoten bis 2030, jedoch stehen die derzeitigen Importabhängigkeiten bei ca. 97% für Magnesium, 71% bei Gallium und 79% bei Lithium.
Wachsende Nachfrage und unsichere Quellen
Spürbare Folgen einer hohen Rohstoffabhängigkeit zeigten sich zwischen 2023 und 2025, als China mehrfach Exportkontrollen für Rohstoffe wie Gallium, Germanium und Wolfram verhängte, was zu unberechenbaren Lieferzeiten sowie Preisspitzen führte. Hinzu kommt eine potenziell steigende Nachfrage der Verteidigungsindustrie für Rohstoffe. Mit dem Start von ReArm Europe und der damit einhergehenden Mobilisierung von über € 800 Milliarden profitieren insbesondere europäische Rüstungsunternehmen von einem strukturellen Nachfrageanstieg, der sich bereits in steigenden Umsätzen und vollen Auftragsbüchern widerspiegelt. Vor dem Hintergrund wachsender Verteidigungsbudgets und langfristiger NATO-Ziele ist von einer Fortsetzung dieser Umsatzdynamik auszugehen, wodurch sich der Bedarf an rüstungsrelevanten Rohstoffen weiter deutlich erhöhen dürfte. Doch wäre die EU vorbereitet, wenn im Ernstfall zu wenige verteidigungsrelevante Rohstoffe auf dem Binnenmarkt verfügbar sind?
Zwei Säulen, eine Lücke
Die Frage der Rohstoffsicherheit für die Verteidigungsindustrie bespielt im EU-Kontext zwei eigenständige Regelungsfelder. Der CRMA adressiert die strukturelle Versorgungssicherheit und bleibt dadurch neutral gegenüber einzelnen Sektoren. EDIP zielt mit verteidigungspolitischen Instrumenten auf die Leistungs- und Reaktionsfähigkeit der Rüstungsindustrie ab. Hier zeigt sich eine funktionale Asymmetrie: Während unter EDIP im Krisenfall eine Priorisierung der Verteidigungsproduktion möglich ist, existiert keine vergleichbare Allokation für Rohstoffe. Die materielle Grundlage für zahlreiche EU-Verteidigungsprojekte liegt somit außerhalb des EDIP-„Security-of-Supply“ Mechanismus.
So What?
Die meisten verteidigungsrelevanten Rohstoffe werden auf globalen Märkten gehandelt und ihre Allokation folgt unter normalen Bedingungen marktwirtschaftlichen Mechanismen. Für die Verteidigungsindustrie gelten jedoch besondere Rahmenbedingungen. Einige Rohstoffe sind nicht nur industrielle Vorprodukte, sondern betreffen unmittelbar die strategische Autonomie und im Extremfall die Verteidigungsfähigkeit Europas. Durch geopolitischen Wettbewerb entstehende Engpässe in der Rohstoffförderung und Verarbeitung können in Kombination mit bestehenden Abhängigkeiten dazu führen, dass verteidigungsrelevante EU-Projekte und Unternehmen, um die selben knappen Materialien konkurrieren. Zwar würden unter dem European Defence Industrial Programme (EDIP) Rohstoffe prioritär dem Verteidigungssektor zufließen, ihre Steuerung erfolgt jedoch nicht innerhalb eines eigenständigen verteidigungsspezifischen Koordinationsmechanismus. Dies kann die Verteidigungsfähigkeit beeinträchtigen und sich negativ auf Preise, Lieferzeiten sowie die Prioritätensetzung auswirken.
Rohstoffe als Schlüssel
Um dieser Dynamik im Krisenfall entgegenzuwirken, sollte das Ziel darin bestehen, die Priorisierungslogik der Verteidigungspolitik auch auf die Rohstoffversorgung zu erweitern. Ein entsprechender Mechanismus müsste in der Lage sein, knappe Materialien entlang klar definierter sicherheits- und industriepolitischer Prioritäten zuzuweisen und konkurrierende Bedarfe zwischen Projekten so zu koordinieren, dass Preisspiralen sowie Verzögerungen gedämpft und Marktallokationen in Krisenfall stabilisiert werden. In der Konsequenz könnte sich so die europäische Verteidigungspolitik entlang der gesamten Wertschöpfungskette schließen – von der Rohstoffbasis bis zum Endprodukt.
Anna Kierner studierte International Relations in Barcelona und befasst sich bei Polis180 insbesondere mit globalen Handelsfragen und Versorgungssicherheiten.
Image via European Union , 2025
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