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7. Januar 2026

Veranstaltungsbericht | Polis kocht!: „Politik, Emotionen und Gender“

Dieser Blogbeitrag ist ein Veranstaltungsbericht und Teil der Veranstaltungsserie “Polis kocht! – Außen- und Europapolitik geht durch den Magen“, was von Polis180 und mit Unterstützung durch die Berliner Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt wird.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit der zunehmenden Emotionalisierung politischer Kommunikation um? Insbesondere genderbezogene Themen werden in diesem Zusammenhang von rechtspopulistischen Bewegungen instrumentalisiert. Rechtspopulistische Diskurse mobilisieren tradierte Familienbilder und verknüpfen diese mit nativistischen Vorstellungen nationaler Identität. Welche affektiven Strategien lassen sich dem entgegensetzen? Diese und ähnliche Fragen standen im Zentrum der Veranstaltung „Polis kocht! Politik, Emotionen und Gender“ der Programmbereiche Gender und internationale Politik & (Un)making Democracy mit den Gäst*innen: Dr. Lisa Zehnter, Dr. Patrick Wielowiejski und Dr. Börries Nehe.

Veranstaltungsbericht zum Event vom 17. Juli 2025 von Marlene Wulf.

Emotionen als politisches Instrument rechter Diskurse

Die Debatte um emotionalisierte politische Kommunikation begleitet uns nicht erst seit der sogenannten „Zirkuszelt“-Debatte oder der Weigerung der derzeitigen Bundestagspräsidentin, die LGBTQ*-Flagge auf dem Reichstag zu hissen. Auch in den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Beispiele, die auf eine zunehmende Gleichgültigkeit oder sogar Entsolidarisierung gegenüber der LGBTQIA-Community, Geflüchteten und anderen marginalisierten Gruppen hinweisen. Rechte Akteur:innen wirken dabei gezielt in gesellschaftliche Diskurse hinein, indem sie sowohl positiv als auch negativ konnotierte Emotionen nutzen, um Themen zu (re-)politisieren, gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben und letztlich eine Abkehr von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu bewirken.

Am 17. Juli diskutierten Dr. Lisa Zehnter, Dr. Patrick Wielowiejski und Dr. Börries Nehe unter der Moderation von Sophia Dimer und Vivian Hagedorn über diese Dynamiken. Im Fokus standen die Rolle von Emotionen und Gender im Rechtspopulismus sowie mögliche Gegenstrategien.

Populistische Kommunikation und die Emotionalisierung von Genderdiskursen

Dr. Lisa Zehnter, die ihre Dissertation zu populistischer politischer Kommunikation verfasst hat, entkräftete zunächst die verbreitete Annahme, populistische Kommunikationsformen hätten in der Politik insgesamt zugenommen. Zwar treffe dies auf die AfD zu, bei etablierten Parteien lasse sich jedoch keine grundlegende Veränderung beobachten. Darüber hinaus sprach sie über gendergerechte Sprache und betonte, dass aus sprachwissenschaftlicher Perspektive auch das generische Maskulinum immer eine Form des Genderns darstelle, da in der deutschen Sprache zwangsläufig entschieden werde, welche Geschlechter angesprochen werden. Für sie ist dies ein anschauliches Beispiel für die Emotionalisierung genderbezogener Diskurse.

Rechtspopulismus, Homosexualität und ideologische Widersprüche

Dr. Patrick Wielowiejski, der seine Dissertation zu Rechtspopulismus und Homosexualität geschrieben hat, berichtete aus seiner ethnographischen Forschung, in deren Rahmen er über zwei Jahre hinweg schwule Männer in der AfD begleitet hat. In der Diskussion ging er unter anderem auf das vermeintliche Paradox ein, dass Alice Weidel als offen lesbische Frau eine führende Rolle in der AfD einnimmt. Er zeigte auf, wie rechtspopulistische Akteur:innen zwischen queeren Personen und binärgeschlechtlich lebenden schwulen oder lesbischen Menschen unterscheiden, um diesen Widerspruch ideologisch aufzulösen.

Affektive Gegenstrategien und globale Vernetzung

Dr. Börries Nehe hob die Bedeutung globaler Vernetzung sowie gemeinschaftlicher, insbesondere affektiver Strategien hervor, um rechten und rechtspopulistischen Bewegungen wirksam zu begegnen. Gleichzeitig sei es notwendig, dem sogenannten „linken Pessimismus“, der angesichts der aktuellen politischen Lage häufig in Resignation münde, aktiv etwas entgegenzusetzen. Er erläuterte, warum Faschismus und Autoritarismus in einer Welt Anklang finden, in der das liberale Versprechen von Gleichheit zunehmend unglaubwürdig erscheint.

Im Rahmen der Diskussion stellte er zudem die Publikation „Beyond Molotovs – A Visual Handbook of Authoritarian Strategies“ vor, die er gemeinsam mit Mitgliedern der International Research Group on Authoritarianism and Counter-Strategies (IRGAC) an der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben hat. Das Handbuch versammelt über 50 praktische Beispiele und visuelle Beiträge von Autor:innen und Aktivist:innen weltweit und zeigt, wie auch kleinere Projekte und Initiativen autoritären, affektiv mobilisierenden Strategien kreative und wirkungsvolle Gegenmaßnahmen entgegensetzen können.

Hoffnungsvolle Perspektiven für affektives Handeln

Trotz der für viele düsteren politischen Lage in Deutschland und weltweit eröffneten die Speaker:innen hoffnungsvolle Perspektiven für affektives Handeln: von der bewussten Nutzung von Wut als Mittel des Empowerments, wie Dr. Lisa Zehnter betonte, bis hin zur internationalen Vernetzung mit anderen aktivistischen Akteur:innen, wie sie Dr. Börries Nehe und seine Kolleg:innen in „Beyond Molotovs“ beschreiben.

Polis kocht: gemeinsam mit Expert*innen kochen die Gäste der Veranstaltung vegane Teigtaschen und dazu gab es einen frischen Wassermelonen Feta-Salat mit Minze. Foto: Polis180

Kochen als politische Praxis

Der Abend selbst war geprägt von einem affektiven Miteinander. Wie der Titel „Polis kocht!“ bereits andeutet, spielte das gemeinsame Kochen eine zentrale Rolle im Veranstaltungsformat. Es ging dabei nicht nur um die Zubereitung von Speisen, sondern um ein kollektives Tun, das Nähe, Fürsorge und Gemeinschaft ermöglicht. Gemeinsam gekocht und gegessen wurden gefüllte vegane Teigtaschen sowie ein frischer Wassermelonen-Feta-Salat mit Minze. Die Gespräche während des Essens machten deutlich, dass es weiterhin Möglichkeiten gibt, der emotionalen Polarisierung unserer Gesellschaften etwas entgegenzusetzen – insbesondere dann, wenn affektive Strategien gemeinsam entwickelt und gelebt werden.

Wir bedanken uns außerdem bei der Landeszentrale für politische Bildung Berlin für die diesjährige Förderung zu unserem Gesamtprojekt Polis kocht! We want to thank our Sponsor the Berliner Landeszentrale für Politische Bildung.

Organisator*innen- und Autor*innen-Informationen:

Moderation und Organisation: Sophia Dimer (Co-Leiterin des Programmbereichs „(Un)Making Democracy“), Vivian Hagedorn (Vorstand & Mitglied des Programmbereichs „Gender und Internationale Politik“, Fabia van Melis (Programmbereich „Gender und Internationale Politik“), Marlene Wulf (Programmbereich „Gender und Internationale Politik“), Niklas Uhl (Programmbereich „Gender und Internationale Politik“)


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