No country for old men: Die Europawahl 2019 in Zahlen

Die diesjährige Europawahl stand ganz im Zeichen der Klimakrise und junger Menschen, die zu zehntausenden auf die Straße gingen. Doch wo haben die WählerInnen in Deutschland letztlich ihr Kreuz gemacht? Und zeigt sich der Protest junger Menschen auch an der Wahlurne? Der Bundeswahlleiter hat zu diesen Fragen nun die Daten geliefert.

Ein Kommentar von Christoph Abels mit Grafiken des Einfachen Dienstes

 

Bereits zum neunten Mal waren die WählerInnen 2019 aufgefordert, das Europäische Parlament zu wählen. Etwa 427 Millionen Wahlberechtigte in ganz Europa hatten vom 23. bis 26. Mai die Gelegenheit, die Zusammensetzung des EPs zu bestimmen, des weltweit einzigen direkt gewählten supranationalen Parlamentes. 

In Deutschland war die diesjährige Wahl für viele der 64,8 Millionen Wahlberechtigten durch zwei Phänomene gekennzeichnet: die Fridays for Future-Demonstrationen und Rezo, den alten Zerstörer. Bei beiden ging es darum, dass sich junge Menschen von weiten Teilen der Politik im Stich gelassen fühlen und diesen Unmut nun in Form politischer Aktivität ausdrücken. 

Insbesondere der Klimaschutz rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Rezo kritisierte dabei vor allem die Union, der er vorwarf, sich nicht ausreichend für eine nachhaltige Energiepolitik einzusetzen. Die Europawahl stand damit vielfach im Zeichen der Jugend. Bei den Fridays for Future-Demonstrationen zeigte sich jedoch noch eine weitere Komponente: Frauen sind bei den Demonstrationen besonders aktiv. Wie haben also Frauen und junge Menschen insgesamt bei der Europawahl gewählt?

Antworten auf diese Fragen liefert die repräsentative Wahlstatistik des Bundeswahlleiters, die immer etwa ein halbes Jahr nach jeder bundes- bzw. europaweiten Wahl veröffentlicht wird. Die Exit Polls (d.h. Nachwahlbefragungen), die am Wahlabend von ARD und ZDF ausgestrahlt werden, geben einen ersten Einblick in demografische Wahltrends. Die Auswertung des Bundeswahlleiters hingegen lässt sich deutlich detaillierter analysieren: Sie enthält Daten zum Geschlecht, Alter, dem Bundesland und der Wahlentscheidung einer statistisch repräsentativen Stichprobe der WählerInnenschaft.

CDU und SPD kaum interessant für junge Frauen

Dass CDU und SPD weiterhin vergleichsweise gute Ergebnisse erzielen konnten, liegt vor allem an der Demografie. Ältere WählerInnengruppen fallen aus zwei Gründen stärker ins Gewicht: Die älteren Jahrgänge sind in Deutschland geburtenstärker als die jüngeren und haben zudem eine höhere Wahlbeteiligung. 

Die Wahlbeteiligung bei den 10,1 Mio. wahlberechtigten 60–69-Jährigen lag bei 66 Prozent, bei den 8,6 Mio. wahlberechtigten 18–29-Jährigen bei 56 Prozent (entsprechend handelt es sich bei der zweiten Gruppe um mehr Jahrgänge – elf versus neun – dennoch ist die Gruppe erheblich kleiner). Ältere WählerInnen wiederum entscheiden sich häufiger für CDU/CSU und SPD. Diese Verhältnisse sind jedoch alles andere als in Stein gemeißelt.

Denn betrachtet man das Alter der WählerInnen von CDU und SPD, ergibt sich für beide Parteien mit Blick auf die Zukunft ein ernüchterndes Bild. In den Jahrgängen ab 1975 erreichen CDU und SPD stets ein schlechteres Ergebnis als die Grünen. Über die Hälfte der CDU-WählerInnen sind vor 1960 geboren, bei der SPD sind es immerhin 42 Prozent. 

Fridays for Future und Rezo spiegeln sich zumindest teilweise in diesen Zahlen wider. Insbesondere junge Frauen entscheiden sich immer häufiger für die Grünen und damit gegen die Christ- oder SozialdemokratInnen. Selbst zusammen erzielen CDU und SPD bei Frauen unter 25 ein schlechteres Ergebnis als die Grünen. Betrachtet man die WählerInnen über alle Altersgruppen hinweg, sind die Unterschiede zwischen den Grünen und der CDU und SPD jedoch längst nicht so deutlich wie bei den jüngeren Generationen ab 1975. 

Nimmt man zusätzlich den Wohnort der WählerInnen hinzu, erzielen CDU und SPD ihre besten Ergebnisse in Westdeutschland – in den Jahrgängen ab 1948. Ihre schlechtesten Ergebnisse erzielt die CDU bei Erst- und JungwählerInnen in Berlin, die SPD in Ost-Berlin und Sachsen (und ErstwählerInnen in Bayern). 

 

Grüne überzeugen

Der große Erfolg der Grünen zeigt sich hingegen nicht nur im Gesamtwahlergebnis, sondern wird besonders deutlich, wenn man die Ergebnisse getrennt nach Jahrgängen und Geschlecht betrachtet. In den Jahrgängen ab 1960 sind die Grünen die am stärksten vertretene Partei. Ab 1975 sogar mit über zehn Prozentpunkten Abstand zur nächsten Partei. 

Konkret bedeutet das, dass fast ein Viertel (24 Prozent) der WählerInnen zwischen 35 und 44 ihr Kreuz bei den Grünen gemacht haben. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 35 Prozent. Die Grünen sind damit die stärkste Partei bei den unter 45-Jährigen. Die Partei hat zudem die mit Abstand weiblichste WählerInnenschaft. 58 Prozent der Grünen-WählerInnen sind Frauen. 

Bei den unter 25-Jährigen wählen ganze 41 Prozent der Frauen Grün, bei den unter 35-Jährigen sind es immer noch 31 Prozent. Bei CDU und SPD sind lediglich jeweils 53 Prozent der WählerInnen Frauen. Die Grünen erzielen zudem in fast allen Bundesländern zweistellige Ergebnisse. Lediglich in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gelingt es den Grünen nicht, jeden zehnten Mann oder jede zehnte Frau von ihrer Politik zu überzeugen.

 

AfD-WählerInnen vor allem männlich und aus Ost-Deutschland

Bei der AfD zeigt sich die Lage deutlich anders. In allen Alterskohorten kommen auf zwei AfD-Wähler nur eine AfD-Wählerin. Diese Tendenz ist in der Altersgruppe der 59–73-Jährigen besonders stark, in der 17 Prozent der Männer AfD wählten, jedoch nur 9 Prozent der Frauen. Diese Altersgruppe ist zugleich auch die stärkste Kohorte der AfD. 

Besonders bei jüngeren WählerInnen schneidet die Partei hingegen schlecht ab. In der Gruppe der unter 25-Jährigen wählen nur 5,5 Prozent der WählerInnen die AfD. Die besten Ergebnisse erzielt die Partei in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 31 Prozent der Wähler und fast 19 Prozent der Wählerinnen in Sachsen bescheren der AfD ihr bestes Ergebnis über alle Bundesländer hinweg. 

Das schlechteste Ergebnis erzielt die Partei in Hamburg. Hier entschieden sich nur 5 Prozent der Frauen und 8 Prozent der Männer für die AfD. Hamburg ist damit zugleich das einzige Bundesland, in dem die AfD weniger als 10 Prozent der männlichen Wähler für sich begeistern kann. Von der Partei besonders wenig überzeugt sind Erstwählerinnen in Bremen: Nur 0,8 Prozent machten ihr Kreuz bei der AfD.

 

Europawahl mehr als ein Denkzettel

Die Europawahl wird gemeinhin als eine Denkzettelwahl verstanden, in der WählerInnen Parteien für vermeintliches Fehlverhalten und mangelnden Erfolg abstrafen. Davon betroffen sind vor allem Parteien mit Regierungsverantwortung. In diesem Jahr kamen zudem mit den Fridays for Future-Demonstrationen, dem CDU-Zerstörer Rezo und dem überaus ungeschickten Verhalten der traditionellen „Volksparteien“ bei der Abstimmung zum EU-Urheberrecht, unmittelbar im Vorlauf der Wahl, weitere Faktoren hinzu, die für die Regierungsparteien sicherlich nicht vorteilhaft waren. 

Gleichwohl zeigen die Daten, dass CDU und SPD vor allem mit systemischen Problemen zu kämpfen haben, die sich in geringem Erfolg bei Jung- und ErstwählerInnen deutlich zeigen. Insbesondere von der hohen Politisierung junger Wählerinnen konnten die beiden Volksparteien nicht profitieren. 

Hier zeigt sich die große Stärke der Grünen, die zunehmend vor allem junge Frauen für sich begeistern können. Gleichzeitig gelingt es allen drei Parteien nur bedingt, Menschen im Osten Deutschlands anzusprechen. Dort ist es vor allem die AfD, die in erheblichem Maße Wählerstimmen auf sich vereint. 

Zumindest vor dem Hintergrund der diesjährigen EP-Wahl werden die Christ- und SozialdemokratInnen der Zuschreibung als Volksparteien kaum gerecht. Den Grünen hingegen fehlt zur Volkspartei der Einfluss bei den älteren Generationen. Schafft es die Partei allerdings auch in Zukunft, ihren aktuellen WählerInnenstamm zu halten, arbeitet die Zeit für die Grünen. 

Gelingt es CDU und SPD nicht, auch für junge WählerInnen attraktiv zu werden, insbesondere für Frauen, und in Ost-Deutschland wieder stärker Fuß zu fassen, findet in der Parteienlandschaft bald eine Wachablösung statt – zumindest im Westen der Republik.

 

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Bildquelle via unsplash

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Christoph Abels

Christoph ist Doktorand an der Hertie School of Governance. Vor seiner Promotion studierte er Public Policy und Psychologie. Christoph ist zudem Research Associate beim Dahrendorf Forum, einem Berliner Thinktank. Zuvor war er für verschiedene Beratungen und im Start-Up Sektor tätig. Bei Polis180 befasst er sich mit den Themenfeldern Digitalisierung und Cybersicherheit.
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