“Deutschland und die Ukraine haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Welche Rolle spielen Frauen in der Politik? Darum ging es in den Seminaren und Diskussionen des Projekts „Beyond the Protocol – Frauen und internationale Politik in der Ukraine und in Deutschland“, die im Oktober und November in Kiew und Berlin durchgeführt wurden. Zwei Teilnehmerinnen des Projekts, eine Deutsche und eine Ukrainerin, sprachen über ihre Eindrücke.

Ein Interview von Inga Pylypchuk mit Nicola Habersetzer und Valeriia Railko

 

Inga Pylypchuk: Während des Projekts haben Sie über die Situation von Frauen in der Ukraine und in Deutschland erfahren. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Valeriia Railko: Mich hat am meisten der Besuch im deutschen Verteidigungsministerium beeindruckt. Die Tatsache, dass den oberen Posten dort Ursula von der Leyen – also eine Frau – inne hat, klingt im ukrainischen Kontext einfach unglaublich. Und sehr cool. Am wichtigsten finde ich aber, dass ihr auch daran liegt, die Idee der Gleichberechtigung in der Armee durchzusetzen. In der ukrainischen Armee wurde Frauen erst vor Kurzem offiziell das Recht zugesprochen, Kampfberufe auszuüben. Davor haben sie zwar an der Front gekämpft, waren aber als Köchinnen oder Krankenschwestern registriert. Generell hat es mich sehr inspiriert, was für eine Rolle die Gendergleichheit in den staatlichen Institutionen in Deutschland spielt. Die PolitikerInnen arbeiten daran und man sieht Fortschritte. Gleichzeitig herrschen immer noch in beiden Ländern Klischees über Frauen.

Nicola Habersetzer: Genau das war eigentlich mein stärkster Eindruck. Dass unsere Länder mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Natürlich ist die Situation in der Ukraine ganz anders wegen des Krieges im Osten und generell ist die ukrainische Gesellschaft patriarchaler. Aber sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland gibt es Sexismus, dessen Folgen sehr ähnlich sind. Diskriminierung, ungleiche Chancen, ungleicher Lohn, usw.

 

Was können die Deutschen von den Ukrainern lernen und umgekehrt?

NH: Mir hat die Idee der interfraktionellen Vereinigung „Gleiche Möglichkeiten“ im ukrainischen Parlament sehr gut gefallen. Außerdem hat es mich beeindruckt, wie die weiblichen ukrainischen Abgeordneten einander unterstützen, obwohl sie so wenige sind: Nur 12 Prozent in dieser Legislaturperiode. Die deutschen ParlamentarierInnen können von dieser Einheitserfahrung lernen.

VR: Während der Revolution der Würde (Anm.: So nennt man in der Ukraine die Maidan-Revolution 2013-2014) haben sich die ukrainischen Frauen viel beigebracht. Die absolute Mehrheit in der Freiwilligenbewegung, die die Armee und die Binnenflüchtlinge unterstützt, sind Frauen. Sie haben Kenntnisse, die sie gut weitergeben könnten. Die Ukraine braucht aber ihrerseits Unterstützung von europäischen Ländern. Wir müssen zusammen daran arbeiten, mehr Frauen an die Macht zu bringen. Bis heute existiert in der Ukraine nur ein Gesetz, laut dessen der Anteil von Frauen in den Wahllisten nicht weniger als 30 Prozent betragen sollte. Aber wie viele Frauen nach den Wahlen tatsächlich in den Parteien bleiben, interessiert niemanden. Wir müssen mehr Praktiken implementieren, die helfen, Frauen in die Politik einzubeziehen. Diese Frage ist sehr wichtig, vor allem für ein Land, in dem es einen Krieg gibt. Die internationale Erfahrung zeigt, dass Frauen Friedensprozesse sehr positiv beeinflussen können.

 

Inwiefern?

VR: Viele Frauen sind Mütter, die nicht wollen, dass ihre Kinder an der Front sterben. Frauen verweisen sich oft als geschickte Verhandlungspartnerinnen. Sie können besser Kompromisse eingehen. Es gibt den Begriff der ‘Post-Konflikt-Quote’. Dank der Einführung dieser besonderen Frauenquote in Ruanda (30 Prozent), konnte das Land nach dem Genozid aus den Ruinen auferstehen. Nun sind im ruandischen Parlament 48 Prozent Frauen.

NH: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir müssen mehr Frauen für das Konfliktmanagement gewinnen. Diese Praxis hat sich weltweit als extrem effektiv erwiesen. Es gibt statistische Daten, die das belegen. Ich verstehe nur nicht, warum deutschen PolitikerInnen, die auch an dem Friedensprozess in der Ukraine beteiligt sind, sich so wenig dafür einsetzen. Die Frauen machen mindestens die Hälfte der Bevölkerung aus, also müssen ihre Interessen genauso gut vertreten sein wie die der Männer – bei den Friedensprozessen und in der Gesellschaft generell.

 

Wie kann man Ihrer Meinung nach die Gleichheit im größeren Sinne erreichen?

NH: Die Regierungen müssen die Gesetzeslagen entsprechend anpassen. Außerdem sind Kampagnen wie HeForShe sehr wichtig. Alle würden davon profitieren, wenn mehr Männer die Idee der Gleichheit propagieren würden.

VR: Nicola, ich stimme dir absolut zu. Aber ich glaube, man muss das Problem auch direkt an den Wurzeln bekämpfen. Konkret heißt das, dass man den Mädchen mehr Entwicklungsmöglichkeiten geben muss: Erziehung, Bildung, Fortbildung, etc. Heutzutage ist das durchschnittliche Monatsgehalt einer Frau in der Ukraine 17 Prozent niedriger als das eines Mannes. Das heißt, auch Armut ist ein Genderthema.

 

Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Sexismus in Ihren Ländern gemacht?

NH: Als Frau, die im Bereich der Sicherheitspolitik arbeitet, muss ich immer wieder Sätze wie diesen hören: „Warum interessiert sich denn eine junge schöne Frau für solche Themen“? Das bezeugt, dass man nicht ernst genommen wird. Ich könnte wetten, dass einem jungen Mann Fragen wie diese nie gestellt werden, selbst wenn er gut aussieht.

VR: Ich hatte auch eine ähnliche Erfahrung in der Ukraine. Ich bin einmal zum Polizeirevier in meiner Stadt Saporischschja gegangen, um dort ein Praktikum zu machen. Der Abteilungsleiter hat mich mit den Worten empfangen: „Schöne, was hast du hier vergessen? Schau, hier sind nur Männer. Bist du gekommen, um uns zu unterhalten? Geh, such dir was anderes“.

 

Was kann man in solchen Situationen tun?

NH: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde gern sagen, man sollte in diesem Moment dem Mann erklären, dass er kein Recht dazu hat, die Fähigkeiten der Frau aufgrund ihres Aussehens zu bewerten. Aber ich weiß inzwischen, dass die meisten Männer, die sich solche Sprüche erlauben, viel zu feste Vorstellungen von Frauen und Männer haben. Das würde sie nicht überzeugen.

VR: Ich streite nie mit jenen Menschen. Ich arbeite einfach, um das nötige Ergebnis zu erreichen. Das tut auch die Mehrheit der Frauen in der Ukraine. Wir beweisen durch unsere Arbeit, dass wir keinen Tick schlechter sind als Männer.

 

Wie schätzen Sie die Erfahrung ein, die Sie in diesem Projekt gewonnen haben?

NH: Es war sehr bewegend, zusammen mit den Frauen aus einem anderen Land über unsere gemeinsamen Probleme nachzudenken. Außerdem hat mir dieses Projekt geholfen, die Ukraine, die ukrainische Gesellschaft und die Gründe für den Krieg im Donbass zu verstehen. Besonders wertvoll war für mich, dass ich diese Informationen direkt von den Frauen bekommen konnte, die selbst hart arbeiten, um die Lebensbedingungen in ihrem Land zu verbessern.

VR: Diese Erfahrung hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen. Jetzt weiß ich, dass es reale Menschen in Deutschland gibt, die mich unterstützen würden. Das bedeutet mir viel. Vielleicht werden aus diesen Kontakten Freundschaften entstehen, vielleicht neue Projekte. Oder wir werden uns eines Tages in einem Weltparlament treffen.

 

Das Interview fand im November 2016 via Skype statt und wurde ursprünglich auf ukrainisch veröffentlicht. Nicola Habersetzer ist Masterstudentin für Politikwissenschaften an der Universität Potsdam und Vorsitzende der Berliner Arbeitsgruppe Sicherheitspolitik. Valeriia Railko ist Koordinatorin des Projekts “Steigerung der Sichtbarkeit von Frauen und Kampf gegen Gender-Stereotype in der nationalen und lokalen Politik in der Ukraine” in Saporischschja.

Das Projekt Beyond the Protocol – Women and International Politics in Germany and Ukraine beleuchtet drei Themenbereiche: Geschlechtergerechtigkeit im Allgemeinen; Frauen, Frieden und Sicherheit; und Frauen in der internationalen Politik und Diplomatie. Spezielle Aspekte der drei Themenbereiche werden in dieser Blogserie weiterführend diskutiert.

Am 12.12.2016 fand die ukrainische Abschlussveranstaltung des Projekts in der diplomatischen Akademie in Kiew statt. Als Experten wurden Hanna Hopko, Abgeordnete und Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des ukrainischen Parlaments; Maria Cristina Serpa de Almeida, Botschafterin Portugals in der Ukraine; und Martin Hagström, Botschafter Schwedens in der Ukraine. Moderiert wurde die Veranstaltung von Andriy Kulykov, Vorsitzender von “Hromadske Radio” eingeladen.

Das Polis Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder. Bildquelle: Sonja Schiffers.

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Inga Pylypchuk

Inga Pylypchuk, Journalistin. 1986 in Kiew geboren, studierte Germanistik und Komparatistik in Kiew und Berlin. 2012-2014 folgte ein Volontariat an der Axel-Springer-Akademie in Berlin. Derzeit schreibt sie unter anderem als freie Autorin für die „Welt“, „Welt am Sonntag“, "Deutsche Welle" und "Focus".

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