Kompetenzen von Flüchtlingen als Chance für den Arbeitsmarkt!

Der deutsche Arbeitsmarkt legt großen Wert auf formal erworbene Qualifikationen. Eine große Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge können eben diese nicht vorweisen. Eine langfristige Integration bedarf deshalb alternativer Zugangswege zur Beschäftigung in Deutschland.

Ein Beitrag von Adrian Sonder, Anne-Marie Kortas und Lea-Maria Warlich

 

Formalität vor Qualität

Arbeitssuchende ohne formalen Berufsabschluss haben bisher große Probleme eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Dies wird deutlich, wenn wir uns die Struktur der langzeitarbeitslosen Menschen in Deutschland anschauen. Mehr als die Hälfte dieser Menschen hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Viele Flüchtlinge können ebenfalls keinen formalen Berufsabschluss vorweisen. Bei der Arbeitsvermittlung stoßen gerade Flüchtlinge daher schnell an die Grenzen des deutschen Systems.

 

Gefangen in der Warteschleife

Die Rahmenbedingungen des deutschen Arbeitsmarktes zwingen Flüchtlinge ohne formale Qualifikation derzeit in lange Warteschleifen, Beschäftigungen im Niedriglohnsektor oder in langwierige arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Und das, obwohl diese Menschen konkrete Fähigkeiten besitzen, die sie in ihrem Heimatland im Rahmen einer Beschäftigung schon unter Beweis stellen konnten. Um allen Geflüchteten faire Zugangschancen zur Beschäftigung in Deutschland zu gewährleisten, bedarf es daher einer Erweiterung der Zugangskriterien abseits formaler Qualifikationen.  

 

Kompetenzen erkennen, Integration schaffen

Eine Praxis, welche diese Nische füllen könnte, sind Kompetenzfeststellungsverfahren. Viele Flüchtlinge können Kompetenzen vorweisen, die sie in der Schule, im Handwerk oder sogar im Militär erworben haben. Ziel eines Kompetenzfeststellungsverfahrens ist es, diese herauszuarbeiten und zu spezifizieren. Über herkömmliche qualifikationsorientierte Verfahren hinausgehend konzentrieren sich diese auf Fähigkeiten, die allgemein auch als „soft skills“ beschrieben werden. Hierunter können Sprachkenntnisse, IT- oder Medienkompetenzen aber auch kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten fallen. In den Kompetenzfeststellungsverfahren werden diese Fähigkeiten zunächst gemeinsam mit den Flüchtlingen herausgearbeitet – oft sind sich ihrer Kompetenzen nämlich gar nicht bewusst.

 

Kompetenzen auf dem Vormarsch

Ein Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus zeigt, dass andere EU-Länder bereits mit dem Verfahren arbeiten. In Schweden und Dänemark beispielsweise ist die Kompetenzfeststellung neben Sprachkursen, Praktika und Beratung integraler Bestandteil der nationalen Integrationsprogramme. Auch in Deutschland existieren bereits Kompetenzfeststellungsverfahren, die von verschiedenen Projektträgern angeboten werden oder im Aufbau sind. So werden ab Sommer 2016  durch das IQ Netzwerk Brandenburg in einem mehrtägigen Kompetenzfeststellungsverfahren informell, non-formal und formal erworbene Kompetenzen der Flüchtlinge systematisch erfasst und dokumentiert.

 

Das Verfahren in der Praxis

Bisher sind Kompetenzfeststellungsverfahren in Deutschland jedoch eine Seltenheit. Auch wenn das Instrument keine komplette Neuerfindung ist, benötigt es dennoch Anpassungen, um speziell für die Bedürfnisse Geflüchteter geeignet zu sein. Spezialisierte Methoden, die auf die Erfahrungen und Hintergründe der Flüchtlinge eingehen, sind bei der Weiterentwicklung zentral. Ziel des Verfahrens ist es, die mitgebrachten Ressourcen der Flüchtlinge zu aktivieren und sie auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorzubereiten und bei der Berufswegplanung zu unterstützen.

 

Beispiel Dänemark

In Dänemark wird derzeit mit einem „Branchenpaketkonzept“ gearbeitet. In fünf Teilschritten werden die Kompetenzen der neuen Bürger durch eine Reihe von Betriebsprogrammen geklärt und entwickelt. Neben der Feststellung persönlicher und fachlicher Kompetenzen beinhaltet das Konzept kurze Betriebspraktika und das Erlernen branchenspezifischer Kompetenzen. Am Anfang dieses Verfahrens werden mitgebrachte Ressourcen der Flüchtlinge aktiviert und geklärt. Daraufhin entscheiden diese sich für einen Geschäftszweig. Der Verlauf des Programmes zielt nun auf die konkrete Vermittlung der für diesen Geschäftszweig relevanten Kompetenzen ab. Am Ende des Prozesses steht eine strategische Platzierung der Teilnehmenden auf dem Arbeitsmarkt.

 

Ein Gewinn für beide Seiten

Der Paradigmenwechsel geht jedoch weiter als die beschriebenen Szenarien. Bisher richten sich viele Verfahren primär an den Kompetenzen der Betroffenen aus. Dabei werden aber die konkreten Kompetenzanforderungen auf dem Arbeitsmarkt außen vor gelassen. Genau an dieser Stelle muss die Arbeitsmarktberatung ansetzen. Die Kompetenzfeststellungsverfahren können nämlich in der Praxis nur hilfreich sein, wenn sie auch einen konkreten Bezug zum lokalen Arbeitsmarkt aufweisen und als Ziel die Vermittlung in Arbeit haben. Davon besonders profitieren würden auch Unternehmen, die im Idealfall eine schnellere und passgenauere Bedarfsdeckung an Personal erzielen könnten.

 

Umdenken statt Umschulen

Die hohe Anzahl an ankommenden Flüchtlingen hat das Thema der Kompetenzfeststellung ganz oben auf die politische Agenda gebracht. Jedoch muss sich dieses Instrument nicht ausschließlich an Einwanderer und Flüchtlinge richten. Gerade im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit könnten Kompetenzfeststellungsverfahren ein Element sein, das die Stärken der Menschen in den Vordergrund stellt. Bis Kompetenzfeststellungsverfahren allgemein anerkannt sind, muss jedoch noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. Im Vordergrund steht vor allem ein kultureller Wandel auf dem Arbeitsmarkt. Es geht nicht darum, formale Qualifikationen abzuwerten, sondern nicht-formal erworbene Kompetenzen aufzuwerten. Ein Beispiel dafür, dass solch ein Wandel gelingen kann, ist Großbritannien. Hier erzielte das 2011 eingeführte Qualifications and Credit Framework (QFC) durch mehr Flexibilität in Sachen Zugang zum Arbeitsmarkt und Anerkennung von Teilqualifikationen große Erfolge. Wenn solche Beispiele auch in Deutschland Schule machen, haben Flüchtlinge sowie Langzeitarbeitslose in Zukunft bessere Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Genau darauf sollten wir jetzt hinarbeiten.

 

Der Beitrag stammt aus dem Programm Migration und ist Teil der #Fluchtmythen-Kampagne, die im Sommer 2016 mit einer Stickreaktion gestartet ist.

Zum Thema findet am 13. Oktober in der BMW-Stiftung eine Veranstaltung des Projekts Arbeitsmarktintegration von Polis180 statt. Klick hier für mehr Informationen.

Das Polis Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder. Bildquelle: http://bit.ly/2ar9YIB.

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Adrian Sonder

Adrian Sonder hat Politik- und Sozialwissenschaften sowie Wirtschaftsgeschichte am Institut d’Études Politiques de Paris, am Trinity College Dublin und an der Lunds Universität studiert. Seit der Bundestagswahl 2013 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Themen. Er ist Mitglied von Polis180.

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Anne-Marie Kortas

Anne-Marie Kortas ist Gründungsmitglied der Flüchtlingsinitiative Angehört, die AsylbewerberInnen rechtliche Informationen vermittelt. Sie hat einen Master von der Hertie School of Governance und arbeitete am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Anne-Marie lebte und arbeitete mehrere Jahre in Lateinamerika.

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Lea-Maria Warlich

Lea-Maria Warlich hat ihren Abschluss in “Politics and Society” an der Maastricht University gemacht. Zuvor studierte sie an der Freien Universität in Berlin und in Leeds Literatur- und Kulturwissenschaft und Nordamerikastudien.

1 Comment
  1. Meinhof, Sebastian 11 Monaten ago

    Liebe AutorInnen,

    Grundsätzlich bin ich der Integration von Menschen aus Kriegs- und Krisenländern in die deutsche Gesellschaft gegenüber offen.

    Dabei sollte meines Erachtens nach jedoch viel mehr auf soziale Aspekte des Zusammenlebens geachtet werden, als eine einseitig wirtschaftsliberale Perspektive wie die eure zulässt.

    Zunächst einmal stehen Menschen aus Kriegs- und Krisenländern in Deutschland natürlich verwaltungstechnischen Barrieren gegenüber. Aber im gesellschaftlichen Zwischenspiel viel wesentlicher sind sprachliche, psychische (Kriegs- und Fluchttraumata) und nicht zuletzt kulturelle Hindernisse. DIESE gilt es zunächst zu meistern.

    Dabei scheint mir ein zivilgesellschaftliches Denken die reizvollere und auch vielversprechendere Antwort. Anders als über eventuell schneller ansetzbare Kompetenzfeststellungsverfahren sollten die Fähigkeiten von Flüchtlingen durch die Aufnahme und Partizipation in zivilgesellschaftlichen Organisiationen eruiert werden. Was heißt das konkret? Was Menschen “können”, weil sie sich dafür begeistern, das lässt sich hierzulande nicht sofort sagen. Aber indem ihnen ein breites Angebot an Wahlmöglichkeiten angeboten wird (ich denke hier aus eigener Erfahrung an Kunstateliers, Imkerkurse aber auch Sport-, handwerkliche oder musikalische Angebote, die alle zunächst einmal auch nur gerine sprachliche Anforderungen haben), wie dies auch für uns der Fall ist, können sie sich ihre Zeit nehmen, ihre Fähigkeiten neu zu entdecken oder zu präsentieren. Von hier aus mag die Vermittlung in den Bereich der kleinen und mittelständischen Betriebe sogar denkbar sein (die im DAX notierten Unternehmen hatten 2014/15 selbst kaum 60 Menschen mit Asylstatus Arbeit geboten).
    Wie die Vermittlung solcher Angebote gesellschaftlicher- und staatlicherseits verbessert werden kann, damit Geflüchtete eine Langzeitperspektive mit Entwicklungspotential haben, DARÜBER gilt es nachzudenken.

    Eine kleine Randnotiz: Wir werden noch auf mehrere Jahre hin die Ausgaben für Flüchtlinge nicht mit bzw. durch diese erwirtschaften können (allein 2015 über 5 Milliarden €). Insofern muss die Argumentation für ein offenes Deutschland andere als finanzielle Gründe finden.

    Das von euch zitierte dänische “Branchenpaketkonzept” ist übrigens jüngst ebenda schwer in die Kritik gekommen (http://politiken.dk/indland/politik/ECE3364428/sloev-start-for-regeringens-flygtningeuddannelse/ auf Dänisch), nachdem bekannt wurde, dass hierdurch landesweit bis dato gerade einmal drei geflüchteten Personen eine erfolgreiche Vermittlung in den Arbeitsmarkt ermöglicht wurde.

    Angesichts solcher (und allgemeinpolitischer) Tatsachenlagen scheint mir ein offener und ehrlicher, wie auch ideologiefrei-praktisch orientierter Austausch immanent wichtig.
    Ich freue mich über eure Rückmeldungen! 😉

    MfG
    Sebastian Meinhof

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