Polis180, ein Grassroots-Thinktank der jungen Generation

Wir wollen uns einmischen, was bewegen, unsere Expertise einbringen. Doch oft wissen wir nicht, wie unsere Stimme Gehör finden könnte. Deshalb gründen wir Polis180.

Ein Plädoyer von Natalie Welfens

Europa aus Sicht der jungen Generation

Meine Eltern – mein Vater ist Deutscher, meine Mutter Polin – verbinden Europa vor allem mit Frieden und Freiheit. Man kann meiner Generation vorwerfen, dass sie diese Grundwerte nicht ausreichend zu schätzen weiß. Man kann sich aber auch vorstellen, wie schwierig es uns fällt, die EU und ihre Errungenschaften ausschließlich dafür zu schätzen, was wir nur aus dem Geschichtsbuch kennen. Wir verbinden Europa mit dem Euro – und seiner Krise – mit Erasmus oder Reisefreiheit. Das sind die einen –  die, die an das europäische Projekt glauben und es gestalten wollen, die, die von der europäischen Integration profitieren. Doch es gibt auch die anderen – die, die von der Mobilität nicht oder nur sehr bedingt profitieren, junge Menschen, die keinen Arbeitsplatz finden und deren Glaube an das europäische Projekt ins Wanken gerät.

Wer das sieht, wer sieht, dass die europäische Integration ins Stocken gerät, die Kluft zwischen politischen Eliten und der Bevölkerung immer größer wird, dass die Antwort auf die Krise die Bestärkung des nationalen, aber nicht des europäischen „Wir-Gefühls“ ist, der begreift – auch in meinem Alter – die Wichtigkeit von Frieden und Freiheit. Und dass man dafür einstehen muss. Dass man das europäische Projekt verteidigen muss.

Politisches Engagement, ja. Aber wie?

Wir wollen uns einmischen, was bewegen, wir wollen die Politik mitgestalten. Wir sind wissbegierig, wollen Optimismus statt Zukunftsängsten. Wir sind gut ausgebildet, die ExpertInnen der jungen Generation. Doch nur allzu oft wissen wir nicht, wo unsere Stimme Gehör finden könnte.

Auf Demonstrationen zieht es uns nur selten, wir diskutieren über soziale Medien wie Facebook und Twitter, achten darauf, unter welchen Bedingungen unsere Kleidung produziert wurde und ernähren uns vegetarisch oder vegan. Unser politisches Engagement zeigt sich im Kleinen, in einem bewussteren Lebensstil oder auch durch ehrenamtliche Arbeit für ein konkretes Projekt. Aber die großen Debatten beeinflussen wir mit alledem doch nicht: Bei politischen Diskussionen sitzen wir zumeist im Publikum, nicht auf dem Podium. Unsere Argumente und Ideen erreichen FreundInnen, Familie und KollegInnen, doch  sicher nicht die breite Öffentlichkeit.

Und so sitzen wir da mit unseren politischen Ideen und Idealen, mit unserer Motivation, etwas zu bewegen und wissen nicht, wie, wo und mit wem.

Polis180, der Grassroots-Thinktank

Um bei den etablierten deutschen Denkfabriken wie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) oder der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) zu arbeiten, benötigt man eigentlich einen Doktortitel oder fünf Jahre einschlägige Arbeitserfahrung. Aber warum nicht einfach selbst einen Grassroots-Thinktank gründen?

Ausgehend von den Erfolgen des Schweizer Thinktanks „foraus – Forum für Aussenpolitik“ entstand die Idee, einen Mitmach-Thinktank in Deutschland aufzubauen: Aus anfangs zwei Leuten sind inzwischen 50 offizielle Mitglieder geworden und rund 300 TeilnehmerInnen haben an 25 Veranstaltungen teilgenommen. Im Juni 2015 hat sich unser Thinktank unter dem Namen Polis180 offiziell gegründet – Polis als die Wiege der Demokratie, die Zahl 180 für die Friedrichstraße 180, wo die Idee geboren wurde, und für den Halbkreis, das Parlament, einen umfassenden Blick der Dinge. Grundidee ist dabei, als Team von Nachwuchs-ExpertInnen aller Fachrichtungen und junger Berufstätiger aller Branchen, die Außen- und Europapolitik in Deutschland neu, zeitgemäß und aus der Perspektive unserer Generation zu denken und mitzugestalten. Mittels personell offener, thematisch und inhaltlich freier, nachhaltig organisierter thematischer Programme erarbeiten wir innovative Politikkonzepte. Die Programmgruppen wachsen organisch und dynamisch und passen sich somit den aktuellen politischen Diskursen an. Aktuell gibt es drei Polis-Programme: EU, Frieden & Sicherheit und Migration.

Bei unseren Treffen diskutieren und streiten wir über unterschiedlichste Themen, lernen miteinander und voneinander und wollen durch Politikempfehlungen die politische Debatte mitgestalten. Damit sehen wir uns als Schnittstelle zwischen den Generationen, zwischen Disziplinen und Theorie und Praxis. Insbesondere letzteres ist die Lücke, in der wir uns selbst verorten: All das Wissen, das in der Wissenschaft fabriziert und innerhalb von wissenschaftlichen Kreisen auch durchaus zirkuliert, findet sich oftmals in den entsprechenden politischen Diskussionen kaum wieder. Dieses Wissen wollen wir mit Hilfe von Publikationen und Veranstaltungen übersetzen und damit festgefahrene Diskurse aufbrechen, neu und innovativ gestalten.

Der politische Mehrwert: Neue Impulse und die Wiederbelebung des politischen Engagements?!

Wenn man die politische Landschaft mit ihrer schier endlosen Zahl an wissenschaftlichen Analysen jeder Art und politischen Veranstaltungen zu diversen Themen überblickt und dazu in Relation setzt, wie viele Ideen und Impulse sich letztendlich wirklich durchsetzen, kann man sich zweierlei fragen: Ist unser Projekt nicht auch einfach nur eins von vielen? Und haben wir uns da nicht etwas zu viel vorgenommen?

Zu der ersten Frage: Nein, wir sind nicht einfach nur ein Projekt von vielen, weil unsere Herangehensweise, unsere Struktur und Formate radikal anders sind. Wir denken und schreiben nicht für Geld, sondern für uns und die Zukunft unseres Europas und nicht mit dem Ziel, zitiert, sondern gehört zu werden. Was wir dabei anstreben ist eine neue Diskussionskultur, die inklusiver und partizipativer ist.

Zu der zweiten Frage – ob wir uns da nicht zu viel versprechen. Vielleicht, und vielleicht auch nicht. Aber wenn wir nicht groß, idealistisch und utopisch denken – wer dann? Die Alternative wäre, weiterhin als BeobachterIn, aber nicht als MacherIn die europäische Integration zu erleben. Unser Thinktank ist damit nicht nur irgendein Projekt, vielmehr fast eine Lebenseinstellung: Wer nicht zufrieden ist mit der aktuellen Politik, wer Ideen zur Lösung aktueller politischer Herausforderungen hat, dem bieten wir eine Möglichkeit, sich einzubringen und die Unterstützung, die es braucht, um sie zu verwirklichen.


Das Polis-Blog ist eine Plattform, die den Mitgliedern von Polis180 zur Verfügung steht. Die veröffentlichten Beiträge stellen persönliche Stellungnahmen der AutorInnen dar. Sie geben nicht die Meinung der Blogredaktion oder von Polis180 e.V. wieder.

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Natalie Welfens

Natalie, 26, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin. Sie hat Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen in Amsterdam, Paris und Berlin studiert. Bei Polis180 leitet sie das Programm Migration.

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