Polis-Teatime

Widerstand gegen Bolsonaro: Frauen*proteste in Brasilien

Mit Jun.-Prof. Dr. Renata Motta

09. September 2019, 18.30-20.00, Kater & Goldfisch (Berlin)

Veranstaltungsbericht

Bei unserer Polis-Teatime am 9. September 2019 haben wir mit  Jun.-Prof. Dr. Renata Motta (Freie Universität Berlin) über Frauen*rechte, die Frauen*bewegung und die politische Lage in Brasilien im Kontext des Rechtsruck unter dem antifeministischen Präsidenten Jair Bolsonaro diskutiert.

Die folgenden drei Themen standen im Fokus des Abends: konkrete Veränderungen für Frauen* seit Bolsonaro; Forderungen, Wirksamkeit und Potenzial der aktuellen Frauen*proteste; und die Rolle und Verantwortung Deutschlands und Europas als internationale Akteure.

Renata Motta gab zunächst einen Überblick über die derzeitige politische Lage in Brasilien, zu deren Verständnis u. a. die Berücksichtigung historischer Prozesse und ihrer Spuren in der heutigen Gesellschaft nötig seien. Relevant seien insbesondere das Erbe des Kolonialismus, das nach wie vor das Land in strenge soziale Klassen trenne, sowie die traditionelle Blindheit der Politik gegenüber Machismus, selbst unter linken Gruppierungen. Andererseits sind in den letzten Jahren neue Dynamiken und Akteure entstanden, die Fortschritte im Land in Richtung einer demokratischen und egalitäreren Gesellschaft ablehnten. 

Wie konnte Bolsonaro an die Macht kommen? Laut Motta haben sich im Kontext der Wirtschaftskrise 2014 Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt ergeben, die viele Männer in ihrer Rolle als Ernährer verunsicherten. Gleichzeitig forderten Frauen zunehmend Gleichberechtigung ein. So ergäben sich verstärkt Veränderungen der Aufgabenverteilung in vielen brasilianischen Haushalten. Zudem kam es unter der vorherigen linken Regierung zur relativen Reduzierung der Privilegien der weißen Mittelschicht. Diese sozialen Verschiebungen könnten den Backlash gegen Gleichstellung und die Wahl Bolsonaros teilweise erklären. Eine weitere Rolle spielte laut Motta die Verbreitung von Fake News unter Wähler*innen, die wenig Erfahrung mit den sozialen Medien haben. So konnte Bolsonaro trotz seiner feindlichen Aussagen gegenüber Frauen, in einem u.a. von Lulas Korruptionsskandal gespaltenen Brasilien, mit Unterstützung der Pentekostalen Kirche und Lulas politischen Gegnern die Wahl gewinnen.

Nun ist Bolsonaro an der Macht und hat soziale Programme drastisch gekürzt. Frauen – 40% der Haushalte werden von alleinerziehenden Müttern geführt – und schwarze Brasilianer*innen sind davon am stärksten betroffen. Dabei normalisiere Bolsonaros frauenfeindliche Rhetorik Gewalt gegen Frauen und trage somit zu ihrem Anstieg bei. 

Doch gegen Bolsonaro formierte sich bereits vor seiner Wahl großer Widerstand: Die Facebook-Gruppe „Frauen gegen Bolsonaro“ brachte als parteiübergreifende Bewegung landesweit Frauen* mit verschiedenen politischen und sozialen Hintergründen auf die Straßen Brasiliens. Auch nach der Wahl flaute der Widerstand nicht ab. So fanden im August Demonstrationen der indigenen Frauen sowie der Marsch der Margeriten statt, bei dem vor allem Kleinbäuerinnen und Landarbeiterinnen zusammenkamen. Die Margeriten protestierten wiederholt gegen Gewalt in ländlichen Gebieten, Straflosigkeit sowie für ein öffentliches Gesundheitssystem und eine faire Landwirtschaft. Trotz der großen Mobilisierung von Frauen* schenkten die Medien laut Motta Bolsonars Reaktion deutlich mehr Aufmerksamkeit als den Protesten selbst.

Bei den brasilianischen Frauen*protesten werde jedoch deutlich, dass es kein universelles Verständnis von Feminismus gebe und seine Auslegung stark vom sozialen, politischen und kulturellen Kontext abhängt. Einerseits engagieren die Margeriten sich beispielsweise stark für den Zugang von Frauen zur Politik und gegen geschlechterbasierte Gewalt. Nicht wenige der Margeriten identifizieren sich jedoch gleichzeitig mit den Werten und dem Frauen*bild des Christentums und positionieren sich u.a. gegen Abtreibung – obwohl man schätze, dass ca. 25% der Brasilianischen Frauen aufgrund der restriktiven Gesetzeslage illegale Abtreibungen hinter sich haben.

Den Vorstoß Macrons auf dem G7-Gipfel zur Löschung der Brände im Amazonasgebiet sei laut Motta grundsätzlich zu begrüßen, da internationale Aufmerksamkeit für das Thema dringend nötig sei. Aus postkolonialer Perspektive sei jedoch problematisch, dass Länder wie Frankreich, welches in seinen eigenen Amazonasgebieten intensiven Bergbau betreibe, bei einem Gipfel ohne Beteiligung der betroffenen Staaten medienwirksam vorpresche. Auch Deutschland spiele durch den Export von Kleinwaffen und den Einsatz von Pestiziden durch deutsche Unternehmen eine problematische Rolle. Daher bewirke der Zeigefinger aus Europa laut Motta eher das Gegenteil: die Förderung nationalistischer Diskurse in Brasilien und damit weitere Unterstützung für Bolsonaros Maßnahmen, die Rückschritte für Frauen*rechte und die Natur bedeuten. Auch Boykotte seien nur sinnvoll, wenn sie gezielt eingesetzt würden. 

Trotz der düsteren Lage beendeten wir das Gespräch zuversichtlich: Wie auch in anderen Ländern gibt es in Brasilien einige Hoffnungsträger*innen, eine neue Generation von Politiker*innen, die im Aktivismus verwurzelt sind und nun im Parlament etwas bewegen möchten. Zudem bewirken die Frauen*proteste laut Motta zwar keinen sofortigen Politikwandel, langfristig aber einen Kulturwandel, der zur Gleichberechtigung der Geschlechter in Brasilien beitragen wird. Aus diesem Grund sei Solidarität mit den Aktivist*innen, auch im Ausland, so wichtig.


Das Gespräch wurde organisiert durch den Polis-Programmbereich Gender und Internationale Politik. Wenn ihr Interesse an der Arbeit des Programmbereichs habt, kommt gern zum nächsten offenen Treffen am 07. Oktober 2019.

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