Ein Bericht von Hannah Newbery

Fotocredit: Pascal Glatz

 

FILMVORFÜHRUNG & DISKUSSION: Duvarlar-Mauern-Walls

Vom Berlin zur Zeit des Mauerfalls und den 1990er Jahren konnten unsere Gäste bei der Filmvorführung von Duvarlar-Mauern-Walls (im Jahre 2000 fertiggestellt) am 26. Februar 2018 in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung einen Eindruck gewinnen. Doch nicht die wiedervereinten Deutschen aus den Ost- und Westteilen des Landes standen im Fokus, sondern die Gemeinschaft der türkischstämmigen MigrantInnen.

Der dreisprachige Dokumentarfilm des türkischen Regisseurs Can Candan zeigt wie verschieden das Ereignis des Mauerfalls wahrgenommen wurde. Für die türkische Gemeinschaft bedeutete es neue Erfahrungen und auch Geschäftsmöglichkeiten durch den Andrang von TouristInnen. Zum Beispiel konnten Souvenirs aus der DDR – und sogar Brocken der Berliner Mauer – an TouristInnen verkauft werden. Doch stellte der Fall der Mauer sie auch vor neue Herausforderungen: Ihre Jobs, die sie sich mühsam erarbeitet hatten, sahen sie nun durch neue ArbeitnehmerInnen aus dem Osten bedroht.

Bemerkenswert, wie der im Film dargestellte Rassismus gegen MigrantInnen (damals die türkischen GastarbeiterInnen) sich dem Heutigen (gegen die Zuwanderung aus Nahost und Nordafrika) ähnelt: die BILD-Kampagnen, Diskreditierungsversuche und Gerüchte, gewalttätige Angriffe auf Heime. Ein Plakat der BILD liest: „Asylanten in Berlin. Wer soll das bezahlen? Wie geht es weiter?“ Aber auch damals gab es Widerstand, auch aus der deutschen Bevölkerung. „BILD ist rassistisch“ sieht man in einer Szene im Film an einer Mauerwand stehen. „Ich möchte (…) mich nicht im Ausland schämen müssen Deutsche zu sein“, sagt eine Interviewte. Junge türkische StudentInnen organisierten sich, das SO36 in Kreuzberg wurde ein zentraler Ort des Widerstands. Thematisiert wurde auch die Rückkehr in die Türkei und damit auch die Zerrissenheit zwischen zwei Welten: Sie seien immer als „die Anderen“ gesehen, in Deutschland, aber nun auch, wenn sie in die Türkei zurückkehren. Gehen oder bleiben? Im Film sprach sich die ältere Generation meist dafür aus, in Deutschland zu bleiben und das Aufgebaute nicht einfach aufzugeben, während die Jüngeren Deutschland verlassen wollten – sie sahen hier wenige Perspektiven für sich.

Nach dem Film haben wir mit Safter Çinar über die damalige und aktuelle Situation der türkischstämmigen MigrantInnen diskutiert. Çinar ist Vorstandsmitglied des Türkischen Bundes Berlin (TBB). 2010 wurde er für sein jahrzentelanges, beharrliches Engagement für die Integration mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet.

Schon damals sei die türkische Gemeinde politisch organisiert gewesen, doch eine so starke Polarisierung, wie man sie heute mit den pro- und contra-Erdogan Lagern vorfände, habe es damals nicht gegeben. Heute gebe es einen stärkeren Rechtsruck (auch sichtbar durch die Präsenz der AfD im Bundestag) sowie steigende Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Die Grundfrage, ob die türkische Gemeinschaft Teil der deutschen Gesellschaft geworden ist, sei immer noch ungeklärt. Auf die Frage nach dem Wunsch des Weggehens der Zweitgeneration weist er darauf hin, dass Diskriminierung und Rassismus für die erste Generation der türkischen EinwanderInnen fast normal schien, während die zweite dies viel weniger akzeptiere. Sie verständen sich weder als Ausländer noch als Opfer, die solche Diskriminierung erleben sollten. In der heutigen Türkei, so erklärt Çinar, gelten die damaligen GastarbeiterInnen als die, die das Image der Türken in Deutschland zerstört hätten. Zu den Ressentiments zwischen den älteren und jüngeren Einwanderergenerationen bemerkt er: Das sind klassische Konkurrenzängste. Das was heute über die SyrerInnen gesagt wird, hat damals die Mehrheitsgesellschaft über TürkInnen gesagt. Die Angst um die eigene Existenz, um ihre Jobs hat sich nicht geändert.

Zum Schluss eine Wortmeldung aus dem Publikum: Sie sei 1982 aus der Türkei nach Berlin gekommen und betrachte mittlerweile Deutschland als ihr Zuhause. Im Gespräch werde man jedoch implizit noch immer als Außenstehende bewertet, noch immer rede man über das Thema der „Türken, die sich nicht integriert haben.“ Wann wird sich das ändern?

Auffallend erschien uns im Film wie wenig Aufmerksamkeit die türkische Gemeinschaft während der Wiedervereinigung erhielt, obwohl sie damals die zweitgrößte ethnische Gruppe in Berlin darstellte. Candans Film ist ein wertvolles Zeitzeugnis, das auch Fragen über unsere heutige Situation aufwirft: Hat die Xenophobie und Gewalt von damals unsere heutige Haltung gegen EinwanderInnen mitgeprägt? Haben wir aus den Fehlern von damals gelernt? Und werden diese heute bei der verstärkten Zuwanderung wiederholt?

Mit Blick in die Zukunft: Wie kann Polis180 zum Austausch beitragen, insbesondere mit der Zweit- und Drittgeneration? Safter Çinar weist auf die verschiedenen Kunstformen hin, die sich in der türkischen Gemeinschaft entwickelt haben, in ihrer Sprache, aber auch in deutschsprachigen kulturellen Angeboten von türkischstämmigen Kulturschaffenden. An ausgewählten Beispielen könne man die Entwicklung von „Gastarbeiterkultur-Kultur für die eigene Community” zu “Kultur für die gesamte Gesellschaft“ aufzeigen, z.B. am Politischen Kabarett von Şinasi Dikmen zu Django Asül, Jilet Ayse und Özcan Coşar. Ein mögliches Format, um dieses Thema bei Polis180 weiterzuverfolgen und dabei eine Plattform für einen (weiterführenden) Austausch zu bieten.

Passend zum Thema möchten wir Euch eine Ausstellung empfehlen:  

Der renommierte Istanbuler Fotograf Ergun Çağatay (1937–2018) bereiste zur Zeit der Wende Ost- und West-Berlin, und porträtierte die Generationen türkischer EinwanderInnen. Çağatays mittlerweile historische Fotografien zeigen Euphorie und Optimismus, aber auch die Folgen von Ausgrenzung und Rassismus. Die Ausstellung wird vom 13.04.2018 – 16.09.2018 im Märkischen Museum zu sehen sein.

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