WRITING THE ALTERNATIVE: Politik und (alternative) Medien in Ungarn und Polen

Gedanken zur Veranstaltung – Kann es sowas wie europäische Medien geben?

Von Judith Langowski

Deutsche Medien ärgern mich als Deutsch-Ungarin oft. Häufig werfen sie Geschehnisse in osteuropäischen Ländern zusammen und vermischen Entwicklungen beispielsweise in Polen und Ungarn – besonders, wenn beide eine konservative Regierung haben. Die vereinfachte Berichterstattung erschwert es dem/r Leser*in mit westlicher Perspektive herauszulesen, was tatsächlich in beiden Ländern passiert. Was jenseits der Politik Viktor Orbáns und der PiS geschieht, wie die Gesellschaften auf die Regierungspolitik reagieren und  junge Menschen über die Situation denken, bleibt oftmals im Verborgenen.

Wir wollten genauer hinhören und haben diese Fragen mit interessierten Berliner*innen und fünf osteuropäischen Journalist*innen am 13. Oktober 2016 diskutiert. Dazu luden wir Vertreter*innen  alternativer, linker Medien aus Polen, Ungarn und Kroatien ein. Es diskutierten vom polnischen Magazin Krytyka Polityczna Kaja Puto und Przemysław Witkowski aus Polen, sowie Mislav Marjanovic aus Kroatien, und vom ungarischen Online-Magazin Kettös Mérce Nikolett Suha und Zsolt Kapelner – sie selber sollten über die aktuellen Ereignisse und die Situation alternativer Medien in ihren Ländern berichten.

Das polnische Onlineportal Krytyka Polityczna berichtet täglich über innen- und außenpolitische Ereignisse. Sie organisieren ebenfalls das englischsprachige Portal Political Critique, gemeinsam mit osteuropäischen Partner*innen, unter anderem Kettös Mérce. Auf der Webseite erscheinen Texte, die von slowakischen, tschechischen, ungarischen, polnischen und ukrainischen Onlineplattformen übernommen und übersetzt werden. So können Englisch sprechende Leser*innen über die Political Critique die wichtigsten politischen Ereignisse aus Osteuropa verfolgen.

“Der hintere Raum in der Neuköllner Bar B-Lage ist an diesem Donnerstagabend voll, es ist stickig. Die Veranstalter von Polis180, einem sogenannten Grassroots-Thinktank, haben nicht mit einem solchen Besucherandrang gerechnet,” schreibt am folgenden Tag Philipp Fritz von der Berliner Zeitung.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beantworten die fünf Gäste an fünf verschiedenen Tischen die Fragen der Zuhörer*innen. Eine gute Dreiviertelstunde lang hörten die Anwesenden aufmerksam zu, stellten Fragen und diskutierten ihre brennenden Fragen mit den Eingeladenen.

Kaja Puto, die Warschauer Journalistin von Krytyka Polityczna berichtet von den Themen, die an ihrem Tisch diskutiert wurden: “Ich habe mich gefreut, dass wir die Radikalisierung von jungen Menschen in verschiedenen mittelosteuropäischen Ländern diskutieren konnten. Die westlichen Medien stellen die Gesellschaft in Mittelosteuropa oft schwarz-weiß dar: Aus ihrer Perspektive ist die eine, “bessere” Seite der Gesellschaft liberal, westlich orientiert, jung, gebildet und lebt in einer Großstadt. Die andere dagegen ist “schlecht”: Konservativ, religiös, alt und ungebildet. Aber heute funktioniert diese Vereinfachung nicht mehr: In Polen sehen wir genauso wie in Ungarn, dass radikale rechte Bewegungen auch bei der jungen Generation immer beliebter sind.”
“Es war eine sehr schöne Überraschung, dass so viele Leute erschienen sind,” erzählt Nikolett Suha, Autorin bei Kettös Mérce und weiterer Gast der Veranstaltung. “Wir müssen zugeben, dass Ungarn und Polen außer ihrer “exotischen” postkommunistischen Demokratien heute nicht viel Neues vorzuweisen haben. Außer, dass neben Stärkung rechter Bewegung und sogenannter “christlicher Werte”, beide Länder sich populistischer Politik zugeneigt haben.”

Zsolt Kapelner, der regelmäßig für Kettös Mérce schreibt, sprach in seiner Gruppe darüber, welche Verantwortung die Medien in der Stärkung linker Bewegungen haben könnten. Zsolt meint, dass die Medien die gesellschaftlichen Bewegungen unterstützen müssen, zum Beispiel die Bewegung für ein Wohnrecht für alle der Budapester Gruppe “Die Stadt gehört allen” (“A város mindenkié”, AVM). “Polen und Ungarn sind zwei sehr unterschiedliche Fälle,” – das übersehen die deutschen Medien oft. Aber gleichzeitig ist es “wichtig, dass die Unterstützung über Grenzen hinweg wirkt,” fügt Zsolt hinzu. Das bedeutet, dass osteuropäische Jugendliche über gegenseitige politische Auseinandersetzungen Bescheid wissen, und dass sich westeuropäische Jugendliche dafür interessieren, was mit osteuropäischen Bewegungen passiert. Gleichzeitig ist sich Zsolt selber nicht ganz sicher, wie sehr dies in einem Europa funktionieren kann, in dem Osteuropa und die dortigen Ereignisse immer mehr an die Peripherie gedrängt werden.

Nikolett Suha sagt über die an ihrem Tisch gestellten Fragen: “An meinem Tisch traf ich sehr nette und interessierte junge Leute. Es war nicht überraschend, dass die gleichen allgemeinen Fragen aufkamen: Welche Art der Diskriminierung erfahren Roma, wie viele sind es, welche Sprache sprechen sie, was sind die Unterschiede zwischen rumänischen und bulgarischen Roma, bzw. ungarischen Roma, wie entstand diese verachtende, extreme Einstellung gegenüber Roma in Ungarn, die ich auch in meiner Heimat erfuhr. Ich mache oft die Erfahrung, dass die mit den Roma verbundenen Stereotypen so tief verwurzelt sind, dass die tatsächlichen, weniger verallgemeinernden Informationen über Roma nur wenige erreichen.”

Wegen mangelndem Hintergrundwissen war es für Nikolett leider schwierig, mit ihrer Gruppe über eine oberflächliche Diskussion hinauszugehen. Sie fand den Abend in der Neuköllner Kneipe dennoch hilfreich und angenehm: “Auch wenn wir in diesem Fall die tatsächlichen Ereignisse in Ungarn nicht gründlich untersuchen konnten, war es eine interessante Erfahrung für uns alle, gemeinsam über unsere Gesellschaften zu reden, über die Gründe, über die Konsequenzen. Ihr gewecktes Interesse, und die offene, positive Perspektive, waren das Wichtigste, was die Teilnehmer*innen beisteuern konnten.”

Die Frage ist, wie sehr man in einem Europa gemeinsam reden und arbeiten kann, in dem sich die Länder in der Lebensqualität der Bewohner*innen, sehr voneinander unterscheiden. Zsolt sprach diesen Punkt auch an, als er die Zuhörerschaft fragte, wie hoch ihrer Meinung nach die Durchschnittsgehälter in Tschechien, Ungarn und Deutschland sind?

Der Begriff der “Peripherie” gewinnt in diesem Kontext seine tatsächliche Bedeutung. Die unterschiedlichen Gehälter zeigen, dass man nicht von einer erfolgreichen EU-Integration sprechen kann, so lange junge Ungar*innen, Pol*innen und Tschech*innen nach London oder Berlin auswandern, um dort in Niedriglohnjobs immer noch deutlich mehr zu verdienen, als als Intellektuelle in der Heimat.

Zur Veranstaltung kamen viele, die schon lange in Berlin leben. Pol*innen, die in der Berliner Gruppe der Partei Razem aktiv sind, oder Deutsche, die noch nie an der zwei Stunden entfernten polnischen Grenze waren. Können Medien über sprachliche und gesellschaftliche Realitäten hinweg wirken? Vielleicht können wir, wenn wir uns weiter organisieren, füreinander übersetzen, die Medien gemeinsam gestalten, uns unsere Realitäten tatsächlich einander näher bringen.

Bilder aufgenommen von Marta Madej

Nach der Veranstaltung entstand dieses Interview für den roadthinktank von Leonie (in English)

ROADTHINKTANK - How four young Hungarians and Poles would improve the European Union

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